Bildung: Eltern wollen Lehrer sehen

Pädagogen werden den Schulen nach einem neuen System zugeteilt. Eltern rufen deshalb den Bildungsnotstand aus. Der Senator bessert nach. Doch die Eltern gehen trotzdem auf die Straße.

Ob Kinder Spaß haben am Lernen, hängt auch von der Zahl der Lehrerstunden ab. Bild: AP

Um ihrer Sorge Nachdruck zu verleihen, wählen die Eltern starke Worte. In Kreuzberg herrsche bald ein "Bildungsnotstand", sagen sie. Die Klassen würden mit dem kommenden Schuljahr größer, die Lehrer weniger. "Die Mitschüler meiner Kinder sind zu rund 60 Prozent nichtdeutscher Herkunft," berichtet Barbara Fischer, deren zwei Söhne die Hunsrück-Grundschule besuchen. Sie nehme das in Kauf, weil sie auf die individuelle Förderung der Kinder vertraue - die nun nicht mehr gewährleistet ist, wie Fischer befürchtet. Andere Kreuzberger sehen das ähnlich. Der Bezirkselternausschuss warnt: "Unsere Kinder werden in ein Gettoleben zurückgedrängt." Am Dienstag wollen sie deshalb auf die Straße gehen.

Hintergrund sind die von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) neu verfassten Richtlinien für die Zuteilung der Lehrerstunden an die Schulen. Das alte System sei so undurchsichtig gewesen, dass Schulen mit ähnlicher sozialer Struktur bisher über ganz unterschiedlich viele Lehrerstunden verfügten, hatte der Senator kritisiert. Er kündigte an: Das Verfahren werde "gerechter und transparenter".

So sollen zum Beispiel die Mittel für die Sprachförderung und die Integration zwar erhalten bleiben, wie Zöllner beschwichtigte. Doch die Stunden werden in Zukunft anders verteilt: Nicht nur Migranten, sondern auch deutsche Kinder aus sozial schwachen Familien, die Sprachdefizite aufweisen, bekommen nun eine Förderung.

Das bringt Gewinner und Verlierer mit sich. "Wenn manche Schulen mehr Lehrerstunden erhalten, wird es andere geben, die etwas weniger bekommen", sagt Zöllners Sprecher. Die Bezirke Treptow-Köpenick und Pankow profitieren von den neuen Richtlinien, wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in einer Umfrage feststellte. Vor allem Schulen mit hohem Migrantenanteil in Wedding, Schöneberg und Kreuzberg müssen dagegen Stunden abgeben.

Kein Wunder also, dass die betroffenen Eltern auf die Barrikaden gehen. Der bisherige Protest hat offenbar bereits gewirkt: "Die Verwaltung hat inzwischen nachgebessert", berichtet Werner Munk, Schulleiter der Reinhardswald-Grundschule. Er habe genauso viele Lehrer zur Verfügung wie im Vorjahr. An anderen Kreuzberger Schulen sehe es ähnlich aus. "Es gibt nicht mehr viele, die jetzt noch jammern müssen." Trotzdem ist Munk mit dem neuen Verfahren unzufrieden. "Ob ich die Stunden auch 2009 wieder bekomme, weiß ich nicht. Ich habe keine Planungssicherheit."

Schulen, die schlechter gestellt werden als früher, können auch auf den sogenannten Dispositionspool hoffen. Die Schulaufsicht der Bezirke entscheidet, welche Schule wie viele Lehrerstunden aus diesem Topf bekommen soll. Die GEW kritisiert diese Regelung als "nicht transparent".

Die Kreuzberger Eltern hat Zöllner mit seinen Nachbesserungen noch nicht besänftigen können. Bisher handele es sich teils erst um mündliche Zusagen, sagt Andreas Klingspohn, Chef des Bezirkselternausschusses. Auch die Ankündigung des Senators, für das kommende Schuljahr rund 200 Lehrer zusätzlich einzustellen, überzeugt die Eltern nicht. Jedes Jahr werde erst gekürzt und dann ein wenig nachgebessert, beklagt Barbara Fischer. "So findet eine schleichende Verschlechterung statt."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de