Bielefeld gegen Schalke: Abstiegsgefahr akut

Nach dem 2:0 bei der Arminia hält Schalkes Trainer Slomka die neue Solidaritätsspirale am Laufen - und lobt den Unterlegenen. Doch der ist in akuter Abstiegsgefahr.

Stand zuletzt oft alleine da und hat es doch überstanden: Mirko Slomka. Bild: dpa

BIELEFELD taz Es war ein merkwürdiges Idyll, das sich im Presseraum der Bielefelder Arena bot: Auf dem Podium vermittelte Trainer Mirko Slomka - freundlich und verbindlich wie fast immer - seine Eindrücke vom 2:0-Sieg seiner Schalker bei Arminia, im Auditorium stand Josef Schnusenberg und lächelte milde, geradezu generös. Als wäre nichts gewesen.

Gerade mal zwei Wochen ist es her, da hatte Schalkes Präsident seinen Trainer nach der Niederlage in Leverkusen zum Abschuss freigegeben. Mit seiner Aussage, der Revierklub benötige wohl einen international anerkannten Spitzentrainer, hatte er eine Kampagne eingeleitet, an deren Ende ohne weiteres Slomkas Demission hätte stehen können. Zwei Wochen später will der Steuerfachmann aus Rheda-Wiedenbrück davon nichts mehr wissen und hat sich ein Schweigegelübde auferlegt.

Ergebnis: 0:2 (0:1)

Arminia Bielefeld: Hain - Korzynietz, Mijatovic, Kucera, Rau - Kauf - Tesche (46. Böhme), Marx (72. Kamper) - Zuma - Eigler, Wichniarek

FC Schalke 04: Neuer - Westermann, Bordon (86. Höwedes), Krstajic, Pander - Jones, Kobiaschwili - Rakitic - Varela (46. Streit), Kuranyi, Altintop (78. Sanchez)

Schiedsrichter: Weiner (Giesen)

Zuschauer: 26.100

Tore: 0:1 Varela (24.), 0:2 Altintop (74.)

Gelbe Karten: Kauf (6), Böhme (6), Mijatovic (2) / Jones (6), Bordon (8)

Eine Entscheidung, die er besser bereits vorher getroffen hätte. Denn es sieht so aus, als habe Slomka seine Demontage unbeschadet überstanden, während der Präsident viel an Kredit verspielt hat. Schalke steht im Viertelfinale der Champions League und darf einen weiteren warmen Millionenregen einplanen, in der Liga wurde in Bielefeld nach zuletzt drei Niederlagen in Folge die Trendwende geschafft.

Die präsidial inszenierte Krise scheint damit zumindest momentan beendet, und Slomka wusste gar zu berichten, er habe "zuletzt Vertrauen gespürt. Wir haben ja sehr intensive Gespräche geführt". Es sei "für den Verein und die Mannschaft eine sehr gute Woche" gewesen", sagte der 40-Jährige, "ein schönes Gefühl." Dass diese Einschätzung in erster Linie für ihn selbst zutraf, behielt der Trainer für sich. Allerdings muss der Burgfriede im traditionell überdrehten Schalker Umfeld nicht von Dauer sein. Es ist durchaus möglich, dass mit der nächsten Niederlage auch die nächste Attacke kommt.

In Bielefeld wirkte die Mannschaft drei Tage nach 120 aufwändigen Minuten von Porto zumindest eine Halbzeit lang erstaunlich frisch und inspiriert. Slomka hatte "eine gute Dominanz und viel Ballbesitz" ausgemacht, Torhüter Manuel Neuer berichtete von einer Marschroute, in der Effektivität das erste Gebot war: "Ball laufen lassen und versuchen, die entscheidenden Nadelstiche zu setzen." Das ist auch deshalb gelungen, weil Neuer nach seinem Jahrhundertauftritt in Porto erneut einen guten Tag erwischt hatte. In der ersten und zweiten Hälfte entschärfte der Youngster jeweils eine Großchance von Christian Eigler, vor der weniger veranlagte Keeper kapituliert hätten.

So stand die Arminia wieder einmal mit leeren Händen da. Zehn Punkte hatte der Klub nach fünf Spieltagen gesammelt, in den 13 folgenden sind gerade mal neun Zähler hinzugekommen. Das ergibt in der Summe akute Abstiegsgefahr, die auch der neue Mann auf der Bank bislang nicht hat verringern können.

Im Gegenteil: Lediglich einen winzigen Zähler hat Bielefeld in den sechs Pflichtspielen unter Michael Frontzeck gesammelt, dazu kommt das Pokal-Aus in Jena. Eine verheerende Bilanz, die andernorts zum sicheren Verlust des Arbeitsplatzes führen würde. Doch in Bielefeld haben sie sich zum Umdenken entschlossen. Nachdem in einem Jahr fünf verschiedene Trainer auf der Bank Platz genommen haben, geben Präsident Schwick und Geschäftsführer Kentsch ihrem Untergebenen nun eine Jobgarantie. Was auch immer passiere, so die beiden Führungskräfte, Frontzeck bleibe bis zum Saisonende im Amt. Man habe diesen Zeitpunkt "ganz bewusst gewählt", erläuterte Kentsch, "um diese unsägliche Diskussion zu beenden, die nicht von uns, sondern ausschließlich von den Medien geführt worden ist".

Für Bielefelds Trainer war es also angesichts der erneuten Niederlage ein vergleichsweise angenehmer Nachmittag, weil er auch vom Gegner massive Rückendeckung erhielt. Slomka, der mit Frontzeck gemeinsam die Ausbildung zum Fußballlehrer absolvierte, stärkte dem Mann neben ihm explizit den Rücken und absolvierte dabei das gleiche Prozedere, das ihm eine Woche zuvor Bayerns Ottmar Hitzfeld hatte angedeihen lassen. Da scheint sich eine Art Solidaritätszirkel zu etablieren, mit dessen Hilfe in Not geratene Trainer moralisch unterstützt werden. Vielleicht kann Frontzeck ja irgendwann einem Kollegen beistehen. Doch vorher muss er erst einmal ein paar Siege einfahren.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de