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Radio-TipBewußtseinsströme

■ betr.: "Sie zu dritt unter einem Apfelbaum"

„Sie zu dritt unter einem Apfelbaum“, heute, 20 Uhr, Deutschlandradio Berlin

Lothar Trolle ist ein brisanter Schriftsteller, auch wenn er nicht zu den hochgehandelten „style pirates“ gehört. Zu diesen „Neowütenden“, die zum x-ten Mal die „Menschheitsdämmerung“ auflegen, als sei's ihre eigene Empfindung. Trolles Schreiben ist eher still im „Output“ – im „Input“ aber tosend engagiert. Und zwar so sehr, daß selbst „heftige“ Bühnenmenschen wie Frank Castorf die Hörspiele ins Visuelle transferieren. Und es stört die RegisseurInnen wenig, daß Trolle die aus Theatersicht sperrigste Erzählform für seine Texte wählt: den inneren Monolog. Mit Vorliebe belauscht der Autor seine Figuren gerade in dem Moment, wo Alltagsritual und Gefühlsroutine nicht mehr vor Existenzfragen schützen. Wie Becketts Wladimir und Estragon erschaudern Trolles große Einsame zunächst vor dem Anblick ihrer Nichtigkeit – eine Krise (hier der Tod der Mutter) schubst sie ins existentielle „Aus“. Dann reden sie um ihr Leben und singen wie Kinder im dunklen Wald. Nimmt die schmerzhafte Selbstwahrnehmung dennoch überhand, bilden sie ellenlang Wortlisten als Dämme gegen die Panik. Je länger wir dabei zuhören, desto mehr geraten wir in ihren Bann. Denn es gelingt Trolle, die Figuren trotz ihres quirligen Eigenlebens zur Schablone von jedermann zu formen.

Wie schon in „Wstawate Lizzy“ folgen wir auch in diesem neuen Stück dem Bewußtseinsstrom einer alternden Dame. Sie ist eine glücklose Schauspielerin – so ist die Persönlichkeitsmaskerade schier unerschöpflich. Verbissen gräbt sie sich durch ihr Spielrepertoire, ihr rettendes Zauberkästchen, das unterschiedlichste Schätze birgt. Erinnerungen an Lady Macbeth und andere Rollen sind ihre glänzenden Perlen. Daneben liegen die blinden Glasscherben verdrängter Momente, fiktive Gespräche mit Freund und Feind und Mutter. „Sie zu dritt unter einem Apfelbaum“ zeigt eine Frau wie Fellinis Julia, die im verwunschenen Garten von Geistern verführt wird, dann aber mit kraftvoller Phantasie den Ausbruch schafft und neu beginnt.Gaby Hartel

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