Berliner Szenen: Glucksender Vollstrecker
In der Eisdiele
„Zwei Kugeln?“, fragt die Tochter. Ich nicke, und sie lenkt ihren Finger über das Glas der Vitrine, in der sich das Eis auftürmt. Auch hier haben neue Lebensformen Einzug halten: Es gibt Ziegenkäse mit Karamell, Rhabarber-Minze und auch Spekulatius.
Manchmal denke ich daran, wie schön es wäre, ein einfaches gemischtes Eis zu essen: Vanille, Schokolade, Erdbeere, mit Sahne und Schirmchen, im Hintergrund sitzen Hanna-Renate Laurien und Ditmar Staffelt und streiten sich, im Radio läuft der Schrott der 80er und mein Feindbild ist klar umrissen.
Die Tochter, die schon ganz gut lesen kann, aber angesichts der herannahenden zwei Kugeln und der Worte, die sie noch nie gelesen hat, überfordert ist, zeigt mit dem Finger auf zwei Sorten. „In der Waffel“, sagt sie. Ich nehme Erdbeere-Thymian und Dänische Schokolade mit Krokant. Wir setzen uns auf die Fensterbank und sehen auf die Straße.
Ein schwarzer SUV mit getönten Scheiben hält direkt vor dem Laden, in der Mitte der Straße. Es wäre auch möglich, ihn seitlich zu parken, so dass die Straße befahrbar bleibt, aber nein, nun ist dieser Privat-Panzer hier.
Ein kleiner Mann steigt auf der Fahrerseite aus, ein großer mächtiger auf der anderen. Beide haben kurze Haare und tragen Bomberjacken. Ein Duo wie aus einem Film, in dem mit Klischees hantiert wird: der fiese kleine, der die Ansagen macht, und der große Vollstrecker. Die beiden betreten den Laden, stellen sich vor die Vitrine und betrachten eine Weile das Eis.
„Wie viele nimmst du?“, fragt der Vollstrecker. „Vier!“, sagt der Kleine. Der Vollstrecker lacht glucksend und sagt: „Alter, volles Programm! Guck mal hier, es gibt Ziegenkäse!“
Der Kleine zieht Rotz hoch, sieht sich kurz unbeholfen um, schluckt ihn dann runter und sagt: „Ziegenkäse, Alter! Scheiße!“ Björn Kuhligk
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen