Berliner Szenen: Normal in Kreuzberg
Lichterloh
Es soll sich nicht wie ein normaler Tag anfühlen. Der Tag soll aber auch kein besonderer sein, habe ich mir überlegt. Ich steige in meine S-Bahn, Linie 25, Richtung Potsdamer Platz. Die Bahn hat drei Minuten Verspätung, das geht ja gut los. Anhalter Bahnhof, jetzt aber zügig aussteigen. 9.02 Uhr.
Als ich die staubigen Treppen der S-Bahn-Station hochgehe, sehe ich schon, dass etwas nicht normal, nicht alltäglich ist. Hinter den großen Häuserblocks steigt Rauch auf. „Bestimmt irgendeine Fabrik, die zu viele Abgase produziert“, versuche ich mir zu erklären. Eine Fabrik? Aus dieser Richtung? Da stimmt doch was nicht.
Ich gehe weiter und beginne den Rauch im Mund zu schmecken, verbranntes Gummi. Die Rauchwolken steigen, der Rauch wird dunkler und ich nähere mich weiter dem Ort. Unfreiwillig, denn ich muss zu meiner Praktikumsstelle gehen. Ich komme den Flammen näher. Es wird doch nicht die taz betroffen sein? Ach, bestimmt nicht. Dann kann man die Quelle des dunklen Rauchs sehen: Ein weißer Transporter brennt lichterloh. Daneben ein einsamer Polizist, der ein wenig ratlos wirkt. Alleine versucht er, die Nebenstraße abzuriegeln, mit mäßigem Erfolg. Die Zuschauer werden zahlreicher. Schnell das Handy gezückt, ein Foto gemacht, „Oh mein Gott” zum Facebook-Post hinzugefügt, fertig.
Irgendwann trudelt die Feuerwehr ein, der weiße Transporter wird gelöscht. Warum die Feuerwehr gelbe statt rote Overalls anhat, ist mir ein Rätsel. Jetzt steigt eine weiße Wolke aus dem Wrack auf. Ich frage mich, warum der Transporter Feuer gefangen hat. Ich trete mein Praktikum an und rufe als erste Amtshandlung die benachbarte Wache an. Der Polizist am Telefon erklärt mir, es handle sich bei einem brennenden Auto in Kreuzberg um „ein ganz normales Straßenbild“.
Jaris Lanzendörfer
Umverteilung gegen rechts
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