Berliner Demo gegen Gaza-Krieg: Parolen der Verzweiflung

Rund hundert Menschen demonstrieren vor dem Außenministerium gegen den Krieg im Gaza-Streifen. Ihr Auftritt ist wortstark. Er drückt aber auch die Aussichtslosigkeit ihres Protests aus.

"Augen auf, Augen auf", ruft eine Frau palästinensischer Herkunft ins Megaphon. Sie steht auf dem Werderschen Markt gegenüber dem Auswärtigen Amt. "Unsere Kinder gehen drauf", erwidern ungefähr 100 Menschen, die an diesem Mittwochnachmittag um sie herum stehen. Dazu stampfen sie rhythmisch im Schnee, um sich bei den eisigen Temperaturen warm zu halten. Die Menschen demonstrieren gegen den Krieg im Gazastreifen. "Stoppt die Massaker in Gaza" steht auf ihren Plakaten.

Der Protest-Rap der jungen Frau mit Kopftuch und Palästinenserschal geht weiter: "Unsere Kinder wollen leben", schreit sie ins Megaphon. Die Menge wiederholt den Satz. Ein eindringlicher Singsang hallt bis zu den verdunkelten Scheiben des Auswärtigen Amtes auf der anderen Seite der Straße. "Unsere Kinder wollen leben / Israel ist dagegen / Israel bombardiert / Deutschland finanziert." An den letzten Satz schließt sich der Slogan aller Slogans in Zeiten des Krieges an: "Deutsche Waffen, deutsches Geld, morden mit in aller Welt."

Ungefähr 25.000 Menschen palästinensicher Herkunft leben in Berlin. Viele haben deutsche Pässe. In den Gesichtern derer, die zur Kundgebung kamen, spiegelt sich blankes Entsetzen. "Gucken Sie sich die Bilder im Fernsehen an, dann kennen Sie unsere Gefühle", sagt Ahmed Muhaisen, der Vorsitzende der palästinensischen Gemeinde zu Berlin. Er zählt die Toten, die Verletzten auf. "Unsere Brüder, unsere Verwandten." 700 Palästinenser und Palästinenserinnen sind gestorben seit Israel mit der Bombardierung an Weihnachten begann, mehr als 3.000 Menschen wurden verletzt. 40 Prozent davon schwer - die meisten Frauen und Kinder. "Unsere Herzen sind zerrissen", sagt Muhaisen.

Jetzt mischt sich Frank Czolbe, ein Mann aus dem Umfeld der Linkspartei, ein. "Das ist ein zweiter Holocaust, ein furchtbares Blutbad, das im Gazastreifen passiert. Israel tötet die Kinder. Israel tötet die Zukunft des palästinenschen Volkes." Er steht auf einen Stein und schreit die Sätze noch einmal in die Menge.

"Würden wir so etwas sagen, würde man uns in die radikale Ecke stellen", sagt Muhaisen, der Vorsitzende der palästinensischen Gemeinde. "Auch wenn wir deutsche Pässe haben - man unterstellt uns sofort, radikal zu sein." Und dann formuliert der promovierte Ingenieur die entscheidenden Fragen: "Was tun die demokratischen Staaten, um dieses Blutbad in Palästina zu beenden?" Und er fragt, wo die Politiker bei den Kundgebungen sind. "Wenn sie bei Wahlen unsere Stimmen brauchen, versprechen sie uns viel. Wenn wir Hilfe brauchen, sind sie nicht da."

Immerhin zeigt Stefan Bantle Mitgefühl. Er ist Referent im Nahostreferat des Auswärtigen Amtes. Muhaisen übergibt ihm eine Petition, in der Deutschland auffordert wird, etwas zu tun, damit das Blutvergießen ein Ende hat. Bantle habe selbst Freunde in der Region und sei entsetzt, berichtet Muhaisen.

Allein das bisschen Mitgefühl ist Balsam für die Seelen der DemonstrantInnen. Denn deren Parolen sind inzwischen schärfer - und verzweifelter. "Merkel, Merkel - warum kein Wort? Massenmord ist Massenmord / Olmert Terrorist / Olmert Terrorist."

Es passiert, was Muhaisen befürchtet hat: Weil die Ruferinnen angeblich politische Persönlichkeiten verunglimpft haben, werden ihre Personalien festgenommen. Ein Ermittlungsverfahren gegen sie wird eingeleitet, sagt ein Sprecher der Polizei.

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