Bank-Analyst über EU-Rettungspakete: "In Griechenland investieren"

Hilfen für Griechenland und Portugal rentieren sich für Deutschland, sagt Bank-Analyst Folker Hellmeyer. Die EU-Kommission sollte große Firmen zu einem "Runden Tisch Investitionen" einladen.

Griechenland ist nicht verschwenderisch, sondern spart sich um Kopf und Kragen. Deutschland profitiert. Bild: dapd

taz: Herr Hellmeyer, in der Eurokrise plädieren Sie dafür, Griechenland weiter zu unterstützen. Warum sollen deutsche Steuerzahler dem zustimmen, wenn gleichzeitig griechische Beamte feudale Gehälter erhalten?

Folker Hellmeyer: Das Bild der verschwenderischen Griechen stimmt nicht mehr. Dort wird gegenwärtig die härteste Reform durchgesetzt, die sich ein Industrieland seit Langem zumutet. Erfolge in der Defizitreduktion und Deregulierung sind bereits gegeben.

Den Deutschen verlangen die Bundesregierungen seit zehn Jahren Sparmaßnahmen ab. Das Stichwort ist Hartz IV. Erscheint es da politisch nicht ratsam, von Griechenland Ähnliches zu fordern, statt mehr Geld zu bewilligen?

FOLKER HELLMEYER 49, ist Chefanalyst der Bremer Landesbank und gibt täglich den Marktbericht "Forex-Report" heraus. Er kommentiert die Entwicklung an den Finanzmärkten.

Mit einem Medikament allein ist Griechenland nicht zu helfen. Deutschland kann als Modell dienen, um die internationale Konkurrenzfähigkeit wiederherzustellen. Das weiß die griechische Regierung, sie orientiert sich am deutschen Vorbild. Mit Erfolg: Die griechischen Exporte steigen. Im ersten Quartal verzeichnete die Wirtschaft sogar ein leichtes Wachstum. Doch man darf die Sparpolitik nicht übertreiben.

Was schlagen Sie vor?

Die EU-Kommission sollte einen runden Tisch mit den großen europäischen Konzernen einberufen und beraten, wie sich deren Investitionen in Griechenland verstärken ließen. Damit könnte man der dortigen Wirtschaft unter die Arme greifen.

Warum sollten die Unternehmen diesem Ruf Folge leisten?

Angesichts des starken Wachstums unter anderem in Deutschland ist es für manche Firmen allmählich schwierig, Fachkräfte in ausreichender Zahl anzuwerben. In Griechenland sind augenblicklich dagegen viele Arbeitskräfte erwerbslos. Die EU könnte außerdem Anreize für derartige Investionen aus ihren bestehenden Fonds zahlen.

Was werden die deutschen Arbeitslosen sagen, wenn wir nicht nur Geld, sondern auch noch Arbeitsplätze in die Schuldenländer schicken?

Bei uns sinkt die Erwerbslosigkeit schnell - dieses Jahr unter drei Millionen. Durch Investitionen in Griechenland oder Portugal würde dieser Prozess nicht verlangsamt. Die weltweite Nachfrage nach deutschen Produkten ist so groß, dass alle davon profitieren könnten.

Griechenland spielt für den deutschen Export kaum eine Rolle. Warum plädieren Sie dafür, das Land zu retten?

Fällt Griechenland, steht die Integrität der Eurozone infrage. In diese Länder aber verkaufen wir 60 Prozent unserer Exporte. Deshalb ist es lebenswichtig, einen Flächenbrand zu verhindern.

Wie muss man sich diese Kettenreaktion vorstellen?

Würde Athen zahlungsunfähig und stiege möglicherweise aus der Eurozone aus, bestünde eine ähnliche Gefahr durch spekulative Attacken am Finanzmarkt für Irland, Portugal, Spanien und Italien. Wenn uns aber diese Euromärkte verloren gehen, sind wir in Deutschland schnell wieder bei fünf Millionen Arbeitslosen.

Wie viel sollen wir uns die Rettung kosten lassen - noch mal 30 oder 40 Milliarden Euro?

Bisher bezahlt Deutschland gar nichts, sondern erhält Zinsen für seine Hilfskredite. Vielleicht braucht Griechenland zusätzliche 90 Milliarden Euro, was die Hilfen auf insgesamt 200 Milliarden erhöhen würde. Wenn man die Hälfte davon tatsächlich als Verlust verbuchen müsste, was voraussichtlich nicht nötig sein wird, bedeutete dies gemäß dem europäischen Verteilungsschlüssel für Deutschland Kosten von rund 20 Milliarden Euro. Im Falle einer Systemkrise Europas dagegen würden wir viel mehr verlieren.

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