Bahn-Messe: Auf der richtigen Schiene

Die Innotrans ist größer als zuvor. Und vom globalen Boom der Schiene profitieren auch regionale Forschung und Entwicklung, sagt Verkehrsforscher Thomas Meißner. Am Wochenende ist die Messe für alle offen

Auf der Messe zu sehen: Dieser Zug soll ab dem Jahr 2011 mit bis zu 350 km/h zwischen Mailand und Neapel sausen. Bild: Innotrans

Ihren ersten Star hat die Bahnindustriemesse Innotrans schon - die neue Berliner Straßenbahn mit dem ebenso neumodischen Namen "Flexity". Noch leiser, noch schneller, noch fahrgastfreundlicher soll die Tram sein und damit auch wirtschaftlich erfolgreich. Ganz so wie der Bahntechnikstandort Berlin-Brandenburg und das Schienenfahrzeugunternehmen Bombardier in Hennigsdorf bei Berlin, in dem die neue "Flexity" gebaut wird.

An Superlativen sparen die Verantwortlichen nicht. "Berlin ist der Nabel der Eisenbahnwelt", freute sich unlängst Friedrich Smaxwill, der Präsident des Bahnindustrieverbandes. Als "Love-Story" bezeichnet der Chef von Bombardier Transportation, André Navarri, die Beziehung seines Unternehmens zu Berlin. Und kündigt gleich noch an, neue Mitarbeiter in Hennigsdorf anzustellen. Ist der globale Boom der Schiene endlich auch in der Region angekommen?

Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) ist jedenfalls optimistisch. "Mit weltweit führender Bahnindustrie, einer Vielzahl innovativer Unternehmen, renommierten wissenschaftlichen Instituten und der wachsenden Bedeutung als Verkehrsknoten bietet die Hauptstadtregion genau den richtigen Mix aus Wirtschaftskraft, Innovationspotenzial und Lebensqualität", sagte Wolf bei der Eröffnung der Messe am Dienstag. "Berlin ist für die Innotrans der ideale Standort."

Ähnlich sieht das auch Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU): "Unsere Region hat sich zu einem international führenden Kompetenzzentrum für Verkehr und Mobilität entwickelt", freute sich Junghanns. "Hier sind über 100 Unternehmen der Schienenverkehrstechnik mit über 18.000 Beschäftigten ansässig."

Der wachsenden Bedeutung der Schienentechnik entspricht auch das Wachstum ihrer Leitmesse. Mit 1.800 Ausstellern aus 42 Ländern haben sich in diesem Jahr 200 Aussteller mehr angemeldet als bei der letzten Messe vor zwei Jahren. Der Gemeinschaftsstand Berlin-Brandenburg, auf dem 50 Unternehmer aus der Region ausstellen, hat mit 150.000 Quadratmetern sogar ein Viertel mehr Fläche als 2006. Die Innotrans ist also auf Erfolgskurs.

Doch die Euphorie ist auch das Ergebnis eines Konzentrationsprozesses. Der Standort Hennigsdorf mit seinen derzeit 1.600 Beschäftigten konnte sich nur behaupten, weil andere Werke von Bombardier, etwa in Halle, geschlossen wurden.

Gleichwohl glaubt Thomas Meißner von der Technologiestiftung Berlin, dass die Talsohle durchschritten sei (siehe Interview unten). Und von neuen Jobs spricht nicht nur Bombardier, sondern auch der Bahnindustrieverband. 1.200 Hochschulabsolventen sollen demnächst eingestellt werden.

Bei so viel Optimismus verwundert es nicht, dass auch die Bahnfreaks oder "Pufferküsser" auf Berlin abfahren. Wenn am Wochenende die Innotrans neben dem Fachpublikum auch für die Öffentlichkeit die Tore öffnet, sind die Berliner Hotels zu hundert Prozent ausgebucht.

"Seit zwei Jahren geht es bergauf"

Nachdem die Talsohle durchschritten sei, würden in der Bahnindustrie wieder Jobs geschaffen, sagt Verkehrsforscher Thomas Meißner. Vor allem die regionale Forschung und Entwicklung profitiere vom globalen Boom der Schiene

taz: Herr Meißner, die Bahnmesse Innotrans ist auf Erfolgskurs. Gilt das auch für den Bahnindustriestandort Berlin-Brandenburg?

Thomas Meißner: Berlin und Brandenburg sind hier gut aufgestellt, auch im internationalen Vergleich. Das betrifft sowohl die Industrie, also Bombardier, Siemens oder die Firma Stadler, als auch Zulieferer und die Forschung. Berlin und Brandenburg liegen damit unter den ersten fünf der europäischen Schienenverkehrsregionen.

Wer gehört zu den Mitbewerbern?

Starke Wettbewerber sind in Nordostfrankreich, in den Regionen von Lille bis zum Ärmelkanal. Aber auch Nordrhein-Westfalen ist recht gut.

Bombardier in Hennigsdorf hat angekündigt, neue Jobs schaffen zu wollen. Ist das nur das Ergebnis von Großaufträgen wie bei der neuen Straßenbahn "Flexity" oder des Regionalzugs "Talent 2"? Oder kommt auch der globale Boom der Schiene endlich in der Region an?

Ein Auftrag über 200 Straßenbahnen, wenn er denn wirklich kommt, ist natürlich eine Sache, die vor allem aus der Region heraus kommt. Aber der Standort Hennigsdorf profitiert auch von der allgemeinen Schienenfahrzeugskonjunktur.

Inwiefern?

Einmal von der erhöhten Nachfrage. Das heißt, die Produktionskapazitäten müssen ausgebaut werden. Darüber hinaus entstehen Arbeitsplätze im Entwicklungsbereich. Bombardier in Hennigsdorf liefert Entwicklungsleistungen nicht nur für den eigenen Standort in der Region, sondern auch für andere Standorte des Konzerns.

Die größten Märkte für die Schiene sind in Asien. Was kommt davon in der Region Berlin-Brandenburg an?

Natürlich können Aufträge aus Asien nicht komplett in Europa abgearbeitet werden. Der Besteller verlangt immer einen lokalen Bezug. Das sieht dann in der Regel so aus, dass die ersten Züge hier bei uns in der Region gebaut werden. Hinzu kommt der größte Teil der Entwicklungsleistung im Vorfeld der Produktion. Die Serienfertigung erfolgt dann meist vor Ort. Aber auch dann kommen wichtige Kernkomponenten aus der Region.

In der Vergangenheit war es um den Schienenverkehrsstandort in Ostdeutschland nicht so gut bestellt. Halle-Ammendorf hat dichtgemacht, Vetschau bei Cottbus stand vor dem Aus. Ist die Talsohle nun durchschritten?

Es sieht so aus. Der Tiefstand ist etwa vor zwei, zweieinhalb Jahren erreicht worden. Die Konsolidierungen sind bis dahin im Wesentlichen abgeschlossen worden. Seitdem geht es relativ stark bergauf, auch was die Zahl der Arbeitsplätze angeht.

Berlin und Brandenburg sind in der Vergangenheit immer wieder auch als Konkurrenten aufgetreten. Klappt in der Bahntechnik die Zusammenarbeit?

Im Bahntechnikbereich treten sie nicht als Konkurrenten auf. Da klappt die Zusammenarbeit ganz gut. INTERVIEW: UWE RADA

Thomas Meißner (44) ist Verkehrsforscher bei der Innovationsagentur der Technologiestiftung Berlin.

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