Ausgehen und rumstehen von Stephanie Grimm: Sieh an, eine Plastiksack-Sekte tanzt wild im Regen
Eine Entdeckung des letzten Sommers: welches Idyll sich nahe der unwirtlichen Ausfallstraße Richtung Köpenick verbirgt. Hinter der Gaswerksiedlung (die gerade 100 wird, seit ein paar Jahren aber kaum mehr zum Wohnen, sondern für Atelier- und Proberäume genutzt wird) befindet sich ein lauschiger Garten. Daher ist die Freude groß, dass wieder Gaswerk Music Days stattfinden – an zwei Wochenenden.
Der Festivalauftakt findet in Kooperation mit dem ugandischen Nyege Nyege Festival statt. Eine gute Idee – hinkt Berlin in Sachen afrikanisch inspirierter Rhythmen doch Städten wie London, Paris oder Lissabon hinterher. Allerdings erwies sich der vorletzte Samstag wettermäßig als Herausforderung. Regen wie in den Tropen, nur auf niedrigerem Temperaturniveau. Es sind mit dem Rad nur Minuten vom Ostkreuz, ein Poncho verhindert die Komplettdurchnässung. Trotzdem quietschen die Turnschuhe. Jeder Schritt produziert eine kleine Fontäne, als ich ankomme.
Jemand verteilt Einweg-Regenjacken, wie sie in tropischen Ländern an jeder Ecke verkauft werden, wenn es plötzlich losplattert. Hier hat es die skurrile Folge, dass Dreiviertel der Crowd im Partnerlook umherspringt, transparent gelb umhüllt und seltsam beglückt tanzend. Ein Außerirdischer könnte denken: Sieh an, eine Plastiksack-Sekte. Derweil schicken die drei Perkussionisten des Ensemble Arsenal Mikebe aus Kampala frenetische-Beat-Kaskaden durch den strömenden Regen.
Eine Woche später ist es hier wirklich lauschig. Auf der Bühne steht die Londoner Band Vanishing Twin. In die Psychedeliker habe ich mich während der ewigen Lockdowns endgültig verknallt, als sie – anders als all die Musiker, die öde Streams aus leeren Clubs sendeten – mit „Pensiero Magico“ darbenden Musikfreund:innen eine schön verspulte Livesession schenkten. Die Ausschnitte gucke ich immer noch gerne. Impressionen dieses Garten-Konzerts hingegen wird man auf YouTube später kaum finden. Das Publikum hält sich weitgehend an das Fotografier- und Filmverbot, auf das per Schild hingewiesen wird. Ohne dass am Eingang wichtigtuerisch die Linse abgeklebt wird. Wie angenehm.
Derweil sind die Lichter angegangen. Zur blauen Stunde vor grüner Kulisse – es sieht toll aus. Aber Moment, es ist nicht mal 21.30 Uhr. Das kann doch nicht sein? Vier Wochen seit Sonnenwende, rechne ich nach. Und vermutlich noch wenige Tage, bis die ersten Lebkuchen im Supermarkt stehen. Abgesehen von solch düsteren Gedanken wird es ein lauer, flirrender Abend mit super Leuten, klanglich verzweigter als auf den Alben. Am Ende will das Publikum die Band nicht ziehen lassen, doch die sind leer gespielt. „We don’t have another song.“ Eigentlich ist ja alles gesagt, hieß der letzte Song doch „You Are Not An Island“.
Gut für mein Schlafdefizit, dass sie sich nicht überreden lassen weiterzuspielen. Bis zum Vorabend hatte ich nämlich wieder unterschätzt, wie komplex Flohmarktvorbereitung ist. Den mussten wir schon vor Wochen für diesen Samstag eintüten. Weil es zumindest im Sommer deutlich mehr Möchtegern-Verkäufer:innen gibt als Marktstände. Theoretisch also viel Zeit zur Vorbereitung. Praktisch fällt mir erst spät am Abend auf, wo der Teufel im Detail liegt. Zum Beispiel müssen Kleiderbügel her. Leider hängen da Kleider dran. Aber hilft ja nix. Ich produziere einen Klamottenberg, um an Bügel zu kommen. Trotz kurzer Nacht und zu wenig Präsentationsmöglichkeiten läuft es gut auf dem Markt.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Gleich morgen hole ich eine XXL-Packung Bügel. Und verräume alles ordentlich, auf dass es beim nächsten Mal geschmeidiger läuft. Ja, hoffentlich mache ich das, genau so.
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