■ Augenweide: Last but lustig
„Lustige Musikanten“, heute, 20.15 Uhr, ZDF
Die Schrecken der Wirklichkeit bleiben manchmal hinter jenen zurück, die die Phantasie sich ausmalt. Und doch gehört die Suggestivkraft des Banalen zu den verheerendsten Kräften, die unsere Erlebnisfähigkeit untergraben.
Am letzten Juniwochenende besetzte die ZDF-Unterhaltungredaktion einen der berühmtesten Orte auf Usedom, den Strand vor der Seebrücke in Ahlbeck. Längst ist nun auch das Beitrittsgebiet für die umsatzstärkste Branche der Unterhaltungsindustrie, die Volksmusik, kulissenfähig geworden. „Marianne und Michael“, die ZDF-Barbiepuppen der ,Volksmusik für das Volk‘-Bewegung, präsentierten so lustige Musikanten wie James Last, verkaufsstärkster Interpret der leichten Muse. Ihm wurden für seine weltweit über 600 Millionen verkauften Tonträger 200 goldene Mini-CDs verliehen. Außer Last, der wie ein greises Faktotum vor seiner sich betont jugendlich gebärdenden Band herumstand, traten noch diverse Volksinterpreten auf, Folkloreträger allesamt, die sich zum Playbackbeat unterm strahlenden Ozonloch wiegten. Während Marianne und Michael mit eingefrorenem Lächeln von einem Aufnahmeplateau zum nächsten hetzten, suchten schwitzende Kamerateams in den bereits an alles gewöhnten Zuschauergesichtern nach Äußerungen ursprünglicher Begeisterung. Dann versank der Abendhimmel in volkstümlichem Rotorange, gleich so, als wäre Gottvater selbst zum Beleuchter avanciert. Nur die Schönheit der offenen See verblaßte in dem Maße, in welchem der Betrachter dem Cocktail aus Meereswogensentimentalität und Matrosenfröhlichkeit zusprach. Der Wohnzimmertapete „Heile Welt“ hält eben kein Naturereignis stand. Fritz Engel
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