: Aufdringlich zwangsbeschallt
■ Radio Supermarkt kommt vom Himmel in die Schüsseln mit Musik und praller Werbung
Aufdringlich zwangsbeschallt
Radio Supermarkt kommt vom Himmel in die Schüsseln mit Musik und praller Werbung
„Groma, so macht Einkaufen Spaß“ tönt es seit einigen Monaten aus den Lautsprechern von Supermärkten. Was viele Kunden nicht wissen: Der mehrstimmige Werbespruch des Lebensmittelrundfunks kommt über den Weltraum zu ihren Ohren. Wie „Radio Supermarkt“ gemacht wird, zeigen mehrere Anbieter auf der CeBIT '93. Der Werbefunk wird in einer Studiozentrale produziert, zu einem Staelliten hochgeschickt und per „Schüssel“ täglich neu in jede Kaufhaus-Filiale geholt.
Firmen wie AKK (Ludwigshafen) und SCE (Hamburg) liefern fertige Sendungen oder stellen Studios. Optimal sind 80 Prozent Musik von „beruhigend“ bis „erregend“ und 20 Prozent Werbespots mit kurzweiligen „Info-Garnierungen“, etwa Klatsch- und Tratsch-Beiträge für die Hausfrau. Für die Kaufhäuser, Drogerie- oder Baumärkte und andere Fachhandelsketten ist alles umsonst, denn die Kosten tragen jene Lieferanten, für deren Produkte geworben wird. Mehr als 100 bis 200 Mark kostet die „Beschallung“ pro Filiale sowieso nicht im Monat. Rund eine halbe Million Kunden werden bei Real, Coop oder Kaufhof täglich zwangsbeschallt. Noch Zukunftsmusik ist das Motivationsprogramm mit unaufdringlich munterer Moderation vor der Öffnung des Marktes. Die Einstimmung der Mitarbeiter auf den Arbeitstag beginnt demnächst mit Musiktiteln nach Wunsch, Geburtagsgrüßen und Mitteilungen der Geschäftsleitung.
Mit der Einwegberieselung aus Musik und Werbung ist die Technik nicht ausgereizt. Die Scannerkassen sind das eigentliche Ziel, glaubt Marketingleiter Peter Schüler von ANT. Bislang gibt es in Deutschland nur 15.000 Kassen für Electronic Cash, die Hälfte bei Tankstellen. Deutschland ist auf diesem Gebiet „unterentwickelt“, weil die Banken zu hohe Gebühren fordern. Mit einem Zweiweg- Datenaustausch zwischen Kasse und Zentrale über Satellit ließe sich die Warenwirtschaft steuern und damit Kosten sparen. Musik plus Cash — das ist der eigentliche Hit der Zukunft von „Radio Supermarkt“.
Jochen Sperber/dpa/taz
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen