Aufarbeitung von Stasi-Unterlagen

Puzzeln für die Geschichte

Vor dreißig Jahren wurde die Stasi-Zentrale in Berlin gestürmt. Die zuvor geschredderten Akten werden noch immer rekonstruiert. Stück für Stück.

Ein Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde beim rekonstruieren von Akten.

Allein mit den Schnipseln: Aktenüberreste in der ehemaligen Berliner Stasi-Zentrale Foto: Philipp Brandstädter

Es sind 16.000 braune Säcke. Gefüllt mit Papier, zerrissen, zerhäckselt, zerstört. Unterlagen, die Menschen vor ziemlich genau dreißig Jahren in der Berliner Stasi-Zentrale und ihren Außenstellen zusammengefegt und sichergestellt haben. Die Überbleibsel von vier Jahrzehnten Irrsinn, in denen der Staatssicherheitsdienst der DDR Informationen über die Bür­ge­r*in­nen seines Landes gesammelt, notiert und fein säuberlich in Aktenordnern abgeheftet hatte. Um am Ende seiner Existenz so viel wie möglich davon zu verbrennen, zu häckseln, zu schreddern oder teils per Hand zu zerreißen.

In diesen 16.000 braunen Säcken steckt die Arbeitsgrundlage von Andreas Loder und seinen Kol­leg*in­nen, die man in der Behörde für Stasi-Unterlagen „Manuelle Rekonstruktion“ nennt. Projektleiter Loder steht in Hemd und Pullunder zwischen zwei Schreibtischen, auf denen bereits vorsortierte Papierfetzen liegen. „Zum Großteil stecken in den Säcken einfach oder zweifach zerrissene Seiten, die wir sichten, kombinieren und wieder zusammenkleben“, erklärt er in nüchternem Bürokratenton. 500 Säcke haben die Angestellten seit 1995 wieder zusammengesetzt, in einem Vierteljahrhundert kaum überschaubarer Puzzlearbeit. Bleiben noch 15.500.

In einem Sack mit der Aufschrift „maReko“ stecken um die 3.000 Seiten. Karteikarten, Notizzettel, Plakate, größtenteils aber Schreibmaschinenseiten im A4-Format. Die zerrissenen Fragmente müssen nicht unbedingt zusammengehören. Sie können auch auf mehrere Säcke verteilt sein. Ab und an hat Andreas Loder aber auch Glück: Dann liegen die passenden Fetzen direkt nebeneinander. Stasi-Schnipsel sichten, puzzlen, kleben und für das Archiv abheften, jeden Tag. „Die schiere Masse erschlägt einen manchmal“, sagt Loder trocken.

In den Monaten der Friedlichen Revolution, im November und Dezember 1989, nahm die Vernichtung der Akten ihren Lauf. Stasi-Chef Erich Mielke hatte seinen Offizieren befohlen, alle Beweise zu vernichten, die einen Verstoß ­gegen das Brief- oder Fernmeldegeheimnis belegen könnten. Ebenso sämtliche internen Unterlagen und die Dokumente aus der Auslands- und Militärspionage sowie die Bestände über Ein- und Ausreisen in die DDR. Und natürlich alle sonstigen Berichte, die die Stasi im Nachhinein belasten könnten. Kurzum: die gesamten Akten, die die Stasi je zusammengestellt hat.

Hände statt Reißwölfe

In allen Stasi-Behörden liefen die Schredder auf Hochtouren, wochenlang. Lkw-Ladungen mit Akten verließen die Zentrale in Berlin-Lichtenberg und wurden verbrannt, unter Wasser gesetzt, zermahlen. Als die heiß gelaufenen Reißwölfe ihren Geist aufgaben, wurden die Papiere per Hand zerrissen, 40 bis 50 Millionen Seiten. Bis die Frauen und Männer einer Bürgerbewegung auf die Aktion aufmerksam wurden und die Vernichtung stoppten.

Im Dezember 1989 besetzten Frauen die Bezirksverwaltung der Stasi in Erfurt. Ohne zu wissen, ob man ihnen mit Waffengewalt entgegentreten würde. Am 15. Januar 1990 strömten Demonstrierende auf das Gelände der Stasi-Zentrale in Berlin. Was die Bürgerbewegung damals vor der Vernichtung retten konnte, liegt heute säckeweise vor den Mitarbeitenden der manuellen Rekonstruktion. Trophäen des Sturms auf die Stasi-Bastille.

Nach der Wiedervereinigung wurde ein Rostocker Pfarrer und späterer Bundespräsident als Sonderbeauftragter für die Stasi-Unterlagen ernannt: Joachim Gauck. Ende 1991 trat das Stasi-Unterlagen-Gesetz in Kraft, das seitdem den Zugang zu den Akten regelt. Das öffentliche Interesse ist bis heute ungebrochen. Im vergangenen Jahr beantragten über 56.000 Menschen Einsicht in die Stasi­akten.

Dreißig Jahre später stehen zwei Nachfolger von Joachim Gauck auf dem Hof der Stasi-Zentrale: Behördenchef Roland Jahn und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Stoisch erdulden sie den Presserummel, binnen Minuten werden mehr Fotos geschossen als in der ganzen historischen Januarnacht von 1990, in der friedliche Revolutionäre Demokratiegeschichte geschrieben haben, wie es Steinmeier in seiner Ansprache formuliert.

Der Bundespräsident ist hier, um einen Ort des Widerstands zu würdigen. Um Vergangenheit nicht ruhen zu lassen. Erst lässt er sich einen der acht Archivräume voller Akten zeigen, dann besucht er eine Podiumsdiskussion. Steinmeier spricht mit Schülerinnen und Schülern – und mit Zeitzeugen der damaligen Besetzungen.­

Vergangenheit aufarbeiten. Das ist das, wofür die Manuelle Rekonstruktion wie ein Sinnbild steht. Auf den Schreibtischen der Aktenpuzzler in den Häusern 7 und 8 der alten Stasi-Zentrale stapeln sich die Papierfetzen. Ein winziger Teil von 500 Millionen. „Die Arbeit ist mühsam, aber wir machen weiter“, sagt Andreas Loder, der Projektleiter. „Die Stasi darf am Ende nicht bestimmen, was wir lesen dürfen und was nicht“, sagt Roland Jahn, der Behördenchef. „Unsere Aufgabe bleibt es, die Unterlagen zu bewahren und Bürgern und Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.“

Andreas Loder hat zusammengehörige Papierstücke mit einer Büroklammer zusammengeheftet. Die Vergilbung der Seite, die Risskanten, die Schriftart der Schreibmaschine – alles passt zusammen, den Inhalt des Dokuments muss er gar nicht lesen. Das übernehmen später die Archivare nebenan. Sie sichten die geretteten Seiten wie alle anderen Akten, Tonträger und Fotos und bewerten, wie brisant ihr Inhalt ist. Über 90 Prozent von 111 Regal-Kilometern Stasiakten hat das Archiv mittlerweile erschlossen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn vor einem Aktenschrank.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (rechts) und Roland Jahn, Leiter der Stasiunterlagenbehörde Foto: Michele Tantussi/reuters

Loder legt die vier Papierstücke mit der bedruckten Seite nach unten auf eine rutschfeste Matte und beschwert sie mit kleinen Sandsäckchen. Dann glättet er die Fetzen und klebt sie mit speziellen Klebestreifen zusammen, erst in der Mitte, dann an den Rändern. Zum Schluss werden überstehende Klebestreifen mit der Schere gestutzt, bevor das zusammengesetzte Dokument abgeheftet wird.

„Man braucht ein bisschen Geschick und natürlich viel Geduld“, erklärt Andreas Loder. „Dann benötigt eine geschulte Kraft für einen Sack etwa ein Jahr.“ Um die zehn Mit­ar­bei­te­r*in­nen puzzlen in Berlin, es gibt noch Unterstützung aus Frankfurt (Oder), einem der zwölf weiteren Standorte. Mal helfen dort mehr, mal weniger Leute. Es lässt sich schwer schätzen, wie lange die manuelle Rekonstruktion auf diese Weise und in diesem Tempo wohl dauern wird, und die Unterlagenbehörde verkneift es sich, hierzu Angaben zu machen. Doch mit welchen Zahlen man auch herumknobeln mag, am Ende bleibt die Frage: Lohnt sich die Mühe überhaupt?

Erfolge des Puzzelns

Aber sicher, findet Andreas Loder. Es ist sein Job und die Aufgabe der gesamten Behörde, wenigstens ein kleines bisschen von dem gigantischen Unrecht der Stasi aufzuarbeiten. Den Opfern dabei zu helfen, zu ihren Geschichten zu kommen.

Der Puzzlearbeit ist zu verdanken, dass staatliches Zwangsdoping an Minderjährigen im Leistungssport belegt werden kann. Sie hat Dokumente der Verfolgung prominenter DDR-Oppositioneller – Jürgen Fuchs, Robert Havemann, Stefan Heym – wiederhergestellt. Zu den großen Funden zählen auch die Akten über die untergetauchte RAF-Terroristin Silke Maier-Witt.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Doch für die manuelle Rekonstruktion eignen sich nur die grob zerrissenen Seiten. Ob die in kleinere Schnipsel zerfetzten Seiten einen brisanteren Inhalt haben, kann man bislang nur vermuten. Eine Computersoftware könnte es mit der Puzzelei aufnehmen. Für ein paar Jahre lang tat das auch eine Technik des Fraunhofer-Instituts.

Dessen „ePuzzler“ stellte in einem Testlauf rund 91.000 Seiten aus 23 Säcken wieder her. Das Programm erkannte auf gescannten Seitenfragmenten Merkmale wie Kontur, Beschriftung, Linienverläufe oder Papierfarbe und setzte sie zu vollständigen Dokumenten zusammen.

Aufwendiges Scannen

„Die Software läuft an sich hervorragend“, sagt Bertram Nickolay vom Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen. „Sie hat es mit der wahnsinnigen Menge an Fragmenten im Stasi-Archiv aufgenommen und dafür nicht umsonst den Europäischen Innovationspreis bekommen“. Weiterentwicklungen des ePuzzlers sind bei der Wiederherstellung der Bestände des eingestürzten Kölner Stadtarchivs im Einsatz. In Hannover retten sie gerade zerschnittene Handschriften von Gottfried Wilhelm Leibniz, doch für die Stasi-Schnipsel wurde die digitale Aufarbeitung 2013 eingestellt.

Zwar war man auch dort von der Software überzeugt. Aber das Scannen selbst war zu aufwendig. Jeder Zettel musste aus einem Sack herausgenommen, gesäubert, geglättet und in Folie gepackt werden, um die Geräte nicht zu beschädigen. Für die Menge der Schnipsel in 16.000 Säcken viel zu umständlich.

Vor vier Jahren hat die Behörde noch mal 2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt bekommen, um die digitale Rekonstruktion zu verbessern. Und das Fraunhofer-Institut hat neue Scanner und Konzepte vorgelegt, darunter eine Scanstraße, mit der sich 50 Säcke Schnipsel im Jahr zusammensetzen ließen. Bis die Technik jedoch so weit ist, dass die übrigen Säcke nur in riesige Trichter gekippt und unten die fertigen Seiten ausgespuckt werden, muss die Behörde noch warten.

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