: Asse und Spitzenhöschen
„Wunschfilm Tennis“ nach dem Medienpoker ■ PRESS-SCHLAG
Das alte Traumpaar von Hollywood hatte keine Chance gegen das neue Traumpaar von Wimbledon. Die herzergreifende Medienkampagne zur Rettung der von öffentlich-rechtlichen Gangstersyndikaten und anderen schurkischen Wilddieben bedrohten Spezies des freilebenden Tennisenthusiasten trug ihre Früchte. Auch lange nach dem gloriosen Finale des Tennisturnieres von Wimbledon wollten 857.208 FernsehzuschauerInnen als „ZDF-Wunschfilm der Woche“ lieber die leicht abgestandenen Bilder der Siege von Steffi Graf und Boris Becker sehen als den US-Film „Spion in Spitzenhöschen“ mit Doris Day und Rod Taylor. Für diesen entschieden sich 813.827 AnruferInnen, die zu guter Letzt ebenfalls frohlocken konnten. Durch die heftigen Attacken nach dem Wimbledon-Blackout zutiefst verschüchtert, sendete das ZDF, um einem Aufstand der Doris-Day-Lobby zuvorzukommen, die Spitzenhöschen nach dem „Wunschfilm Tennis“ und dem Aktuellen Sportstudio. Mercenario, der Gefürchtete, wurde in die späte Nacht verbannt und soll nun auf dem Weg nach Mainz sein.
In einem rührenden Anfall von Großmut hatte die Film- und Fernsehgesellschaft Ufa - bekanntlich im seligmachenden Besitz der Wimbledon-Senderechte - den öffentlich -rechtlichen Anstalten ARD und ZDF angeboten, die preziösen Bilder eine Woche später und, man staune, „kostenlos“ zur Verfügung zu stellen. Während die ARD diese „wahre Güte“ naserümpfend ablehnte, griff das ZDF, nach den verbalen Hinterhalten der Boulevardpresse kleinmütig geworden, auf der Stelle zu. Eine Unterwerfungsgeste, die deutlich macht, wie sehr der Zahn der neuen Medienzeit bereits an der altvorderen Hochherrlichkeit der Mainzelmonster genagt hat.
Endgültig vorüber sind die goldenen televisionären Urzeiten, als die Senderechte von Wimbledon, live und unbegrenzt, für läppische 150.000 Mark einzusacken waren, billiger etwa als jede beliebige Talkshow mit fünf Idioten aus sechs Fürstenhäusern. Das war 1988. Ein Jahr später blätterte Bertelsmanns Ufa für fünf Jahre Wimbledon 100 Millionen auf den heiligen Rasen, um ihrem Problemkind RTL -Plus auch mal ein paar Einschaltquoten zukommen zu lassen. Eine Million sollten die Öffentlich-Rechtlichen für die Zweitverwertung berappen; ein paar Bilder in der Tagesschau, eine Stunde Zusammenfassung am späten Abend. Trotzig lehnten sie ab, und dies völlig zu Recht, denn das Angebot besaß einen veritablen Pferdefuß: die Ufa wollte sich auch die Rundfunkrechte bezahlen lassen, und die sind bisher frei. Hätten ZDF und ARD akzeptiert, wäre das die Anerkennung einer Entwicklung gewesen, die in der Tat jene Bedrohung der Informationsfreiheit bedeuten würden, die die Gazetten von Springer und Bertelsmann im Falle Wimbledon so vollmundig herbeireden wollten.
Von „Gebührenboykott“ und „Abschaffung der Öffentlich -Rechtlichen“ war da die Rede gewesen, aus allen Parteien wurden PolitikerInnen zitiert, die ihr Gehirn wie üblich in der Bundestagskantine abgegeben hatten, vom „Skandal von Wimbledon“ faselten und die Grundrechte bedroht sahen, weil ein paar Ballwechsel nur von sechs statt von elf Millionen Menschen gesehen werden konnten. Die ARD schlug in ihrer Brennpunkt-Sendung zurück, lamentierte mit ungewohnt klassenkämpferischem Duktus über Preistreiberei und Wucher, deckte schonungslos die Verflechtungen zwischen „manchen Zeitungen“ und dem Privatfernsehen auf und wetterte gar voll unausgewogen gegen „Kapitalinteressen“ und den Einfluß der Wirtschaft.
Deutlich zu spüren war jedoch ein über dem Studio schwebender Hauch von Weinerlichkeit. Mag der Medienpoker auch noch so sehr von „gezinkten Karten“ geprägt gewesen sein, er brachte selbst den nostalgischsten Träumern bei ZDF und ARD die Erkenntnis, daß die ruhmreichen Zeiten des Monopols endgültig vorbei sind. Im nächsten Jahr werden sie brav ihre Million auf den Tisch blättern, um dann bei niederer Einschaltquote einen Finalsieg von Gabriela Sabatini über Conchita Martinez zu übertragen, und in wenigen Jahren dürfte ohnehin erreicht sein, worum es Springer und Bertelsmann von Anfang an ging: flächendeckender Empfang ihrer Sender Sat 1 und RTL-Plus über Antenne.
Dann schlägt auch wieder die Stunde der Öffentlich -Rechtlichen. Sport ist nicht alles, und das „Beiprogramm“ der Privatsender mit ihren grausligen Showsendungen und Zentnern unverdaulichsten Spielfilmmaterials wird plötzlich selbst ARD und ZDF wieder in glänzenderem Licht erscheinen lassen.
Matti
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