Asiatisches Kino: Wandel kündigt sich an

Beim Filmfestival im koreanischen Pusan liefen viele beeindruckende Filme, die vom Warten auf das Neue und vom Beharren auf dem Alten handeln.

Besucher des Pusan International Film Festivals. Bild: reuters

Während des Festivals von Pusan muss man nicht unbedingt ins Kino gehen, um zu staunen. Jeden Abend kann man am Ufer der koreanischen Hafenstadt einer besonderen Vorstellung beiwohnen. Kurz nach Sonnenuntergang flackern Kerzen in den Klippen auf. Schaut man näher hin, nimmt man die Schemen älterer Frauen wahr, die sich immer wieder vorbeugen und leise etwas vor sich hin murmeln.

Was für ein Ritual vollzieht sich hier? Handelt es sich hier um Fischerfrauen, die ihren Männern einen guten Fang wünschen, für eine ruhige See beten? Auch ohne zu begreifen, welches Ansinnen die Frauen haben, schaut man ihnen gebannt zu. Von ihrem Anblick geht eine fast meditative Ruhe aus, die sich nicht einordnen lässt.

Sind es nicht genau solche Eindrücke, auf die man im Kino immer wartet? Warum reist man über 9.000 Kilometer zu einem Festival auf der anderen Seite des Globus? Letztlich doch um Bilder zu finden, die ein Eigenleben führen, von einer anderen Sicht auf das Leben erzählen und deren Reiz eben nicht darin liegt, dass man sie sofort entziffern und verstehen muss. In den letzten Jahren war es immer wieder das Kino aus Ost- und Südostasien, das den Zuschauer mit in einen Alltag nahm, der in Zeiten der Globalisierung noch einen anderen Rhythmus hat und Überraschungen bereithält. Dabei müssen diese Filme nicht immer von weltbewegenden Dingen handeln, es können auch kleine Beobachtungen am Rande sein, die sich einprägen, als Zeichen fremder Lebensweisen.

Respekt für Schweine

Etwa der Respekt zweier Männer gegenüber einem Schwein. Bevor das Tier in dem chinesischen Film „Wangliang's Ideal“ geschlachtet und sorgfältig in seine Einzelteile zerlegt wird, zünden die Metzger Räucherstäbchen für das Tier an und wünschen ihm für sein nächstes Leben ein besseres Dasein.

In dem Dokumentarfilm „Cheonggyechon Medley“ wiederum wird ein Schweinskopf zum Symbol, das dem gnadenlosen Fortschrittsdenken der koreanischen Gesellschaft die Stirn bietet. Konzentriert folgt die Kamera der Arbeit von Metallarbeitern in ihren Wellblechhütten in den verwinkelten Gassen des Stadtteils Cheonggyechon in Seoul. Seit Jahrzehnten übernehmen hier die Söhne das Handwerk ihrer Väter und Großväter. Die Geschäfte scheinen immer noch gutzugehen, man fabriziert Metallstangen, Discokugeln oder dämonisch dreinblickende Drachen für Tempelanlagen. Das Rattern der alten Maschinen, das Hämmern, Schweißen und Scheppern ergibt einen seltsam archaischen Sound. Er scheint sich aufzulehnen gegen die Pläne der Stadtpolitiker. Das Cheonggycheon-Viertel soll wegen seiner günstigen Lage im Herzen Seouls einem Business-District weichen. Tatsächlich sieht man Ende des Films, wie die ersten Maschinen der Handwerker in neu erbaute Fabriken am Rande der Stadt transportiert werden. Und doch ist es tröstlich, dass die Männer und Frauen auch am neuen Ort mittags ihre Matten ausrollen und die schmackhaft aussehenden Speisen zu sich nehmen. Im Hintergrund thront der – selbstverständlich echte – Schweinskopf, der in Korea traditionell bei der Neueröffnung eines Geschäfts als Dekoration aufgestellt wird.

In dem chinesischen Film „Old Donkey“ ist es eine Wanderdüne, die sich dem Einzug der Moderne entgegenstellt. Das Land davor gehört einem alten Mann, genannt Old Ma. Hier sind seine Äcker, hier liegen seine Vorfahren begraben. Nun soll das Terrain an einen Konzern verkauft werden, der die Felder effektiver nutzen will. Aber der sture Old Ma wird die Verträge nicht unterschreiben. Stattdessen bepflanzt er in einem wahren Kraftakt die Wanderdüne. Störrisch erhebt sie sich über eine Region, die sich im Umbruch befindet, ein Mahnmal für all die Männer und Frauen, die in dieser Landschaft jahrhundertelang geschuftet haben.

In einer Kneipe nicht weit vom Festivaltreiben hängen Fotos von Pusan, die gerade mal fünfzehn Jahre alt sind und doch aus einer anderen Ära zu stammen scheinen. Sie zeigen die Strandpromenade als idyllischen Ort mit kleinen Fischerhütten. Mittlerweise reiht sich hier ein hässlicher Hotelblock an den nächsten. So ist der Festivalbesucher jedes Jahr auf neue froh, wenn zwischen den trostlosen Hochhaussiedlungen das fröhliche Markttreiben weitergeht. Spaziert man entlang der kleinen Ständchen, glaubt man sich in einem Technicolorfilm. Die alten Marktverkäuferinnen mögen es bunt. Zu knallroten Gummistiefeln tragen sie pinkfarbende Pullis und giftgrüne Schürzen, ihre Ware – Meeresalgen, Ginsengwurzeln, modrig riechenden Pilze – bieten sie in grellen Plastikschüsseln an. Zu später Stunde kommen hier die Festivalbesucher zusammen, um allerlei exotisches Meeresgetier zu essen. Stolz schaut man sich nachts im Hotelbett die Handyfilmchen an, die beweisen, dass man tatsächlich rohen Tintenfisch gegessen hat, dessen Tentakeln sich um die Essstäbchen wickeln oder vom Teller winden. Ausgerechnet bei dieser Mahlzeit stellt sich die ebenfalls am Tisch sitzende philippinische Schauspielerin Maria Isabel Lopez mit einem schlagenden Satz vor: „Ich bin die Prostituierte, die in Brillante Mendozas Film,Kinatay' in Stücke geschnitten wurde.“ Der Film lief im vergangenen Jahr im Wettbewerb von Cannes.

Warten auf die Überfahrt

In dem philippinischen Film „Ways of the Sea“, der in Pusan zu sehen war, spielt Maria Isabel Lopez wieder eine Prostituierte. Mit einer Handvoll Männer und Frauen möchte sie illegal per Schiff von Mindanao, der südlichsten Inselgruppe der Philippinen, nach Malaysia gelangen. „Ways of the Sea“ erzählt wie viele Filme in diesem Pusaner Jahrgang von einem Zustand des Wartens, des Stillstands, des Ausharrens. Es geht um Menschen, die eine neue Existenz suchen, weil ihnen ihre Heimat keine mehr bieten kann. Ruhig gleitet die Kamera entlang müder, trauriger Gesichter. Sie zeigt Menschen, die nicht wissen, ob ihre Hoffnungen in Malaysia erfüllt werden. Ein kleines Mädchen und sein größerer Bruder, die ebenfalls an Bord gehen wollen, sprechen eine andere Sprache. Ganz beiläufig lernt man die Philippinen als ein Land der unterschiedlichsten ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen und ihrer gegenseitigen Diskriminierung kennen. So sieht man später, wie die Kleine mit dem immer ernsten Gesicht von zwei Jungs gejagt und mit Steinen beworfen wird, weil sie Muslimin ist. Ohne Dramen oder große Erklärungen bringt der Film von Sheron Dayoc dem Zuschauer ein Schicksal näher.

Ähnlich diskret und umsichtig verfährt auch Tan Chui Muis Film mit seinem Helden. Doch Azams Suche nach einer anderen Zukunft scheint nicht erfolgreich gewesen zu sein. Nach Jahren in der fernen Hauptstadt kommt er wieder in sein Heimatdorf zurück und sucht die Freunde der Kindheit auf. Was ihm widerfahren ist, wird der introvertierte junge Mann verschweigen. Seine Rückkehr ist auch eine Rückkehr zu den alten Mythen und Legenden der ländlichen Regionen Malaysias. In „Year without a Summer“ lässt man sich mit Azam eine Nacht lang in einem kleinen Motorboot entlang der Küste treiben und lauscht den Geschichten, die sich hinter den bizarren Felsformationen verbergen. Es geht um Wesen, die halb Tiger, halb Mensch sind. Um Frauen, die ihren nicht zurückgekehrten Männern in die See gefolgt sind und nun unter Wasser ein glückliches Familienleben führen. Um Meeresjungfrauen, hinter deren schönem Antlitz sich ein bösartiger Charakter verbirgt. Weil die Geschichten so schön ernsthaft und mit einem sehr eingängigen Singsang vorgetragen werden, beginnt man sie selbst fast schon zu glauben, meint mit der jungen Frau im Boot bereits den gezackten Schwanz eines Meeresdrachen zu sehen. Die Erzählungen wirken auch deshalb so eindringlich, weil man spürt, dass sie aus einer anderen, untergegangenen Epoche kommen. So deutet sich auch in „Year without a Summer“ ein Umbruch an, der erst noch Gestalt annehmen muss.

Gegen Ende der 15. Filmfestspiele von Pusan klärt sich das Rätsel der alten Frauen und ihrer Kerzen doch noch auf. Es handelt sich um einen uralten Brauch. Meistens, so erzählt der Rezeptionist des Hotels, wünschen sich die Frauen ein gutes Leben für ihre Kinder und Enkelkinder. Und sie scheinen fest an das Ritual zu glauben. Die Lichter zwischen den Felsen flackern bis tief in die Nacht hinein.

Anke Leweke reiste als Mitglied des Auswahlkomitees des Internationalen Forums der Berlinale nach Pusan

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de