Arte-Doku über US-Alltag: Im Automobil zu Hause

Kurz vor der Wahl zeigt die Doku-Reihe "Whos Afraid of America" (Di, 23.05 Uhr, Arte) Innensichten aus den USA: Ohne Verklärung soll das andere Amerika gezeigt werden.

Amerikanischer Traum von Freiheit und Abenteuer: Das Automobil. Bild: dpa

Seit Marietta Slomka, Frontfrau des "heute journals", sich für das ZDF in China umsehen durfte, füllen sie auch beim "Morgen- und Mittagsmagazin" häufiger Dienstreiseanträge aus. Warum, ist klar: Schließlich wird in den USA demnächst gewählt. Da darf dann Susanne Conrad schon mal nach Las Vegas reisen oder ihr Kollege Christian Sievers vom "MoMA" mit netten Amis reden und vor allem essen. Die journalistisch belanglosen Beiträge laufen dann unter so originellen Titeln wie "Breakfast in Amerika".

Von ganz anderer Qualität sind die Reiseberichte, die Arte heute als Auftakt einer Dokureihe leider erst kurz vor der Geisterstunde sendet: "Whos Afraid of America?" ist die bemerkenswerte Serie des Kulturkanals überschrieben, die bewusst das andere Amerika zeigen will, ohne es nostalgisch zu verklären. Und die unter anderem zeigt, wie Musikgrößen von Randy Newman bis Arlo Guthrie mit der Bush-Ära abrechnen.

Gezeigt werden auch die so genannten "Freeganer", die Müll nach Essbarem durchwühlen, allerdings nicht aus Not oder Verzweiflung. Wenn sie mit Kameras durch Manhattan ziehen, steuern die Aktivisten bewusst Abfalltonnen vor Edelrestaurants und Spezialiätenläden an; die "Freeganer" haben der Wegwerfgesellschaft den Kampf angesagt, dokumentieren bewusst die Verschwendungssucht einer Gesellschaft, die Luxusartikel eher im Müll entsorgt, als sie Bedürftigen zukommen zu lassen.

Einer anderen Art des Protests gegen den täglichen Konsumterror hat sich Bill Talen verschrieben. Bevorzugt im weißen Anzug ist er als "Reverend Billy" mit seinen Jüngern von der "Church of Stop Shopping" unterwegs in Filialen von Starbucks und Wal-Mart. Wo sie auftauchen, ist die Polizei nicht weit - denn die Botschaften werden in den modernen Konsumtempeln der großen Ketten nur ungern gehört.

"Markt und Moral" hat Hannes Rossacher eine seiner Folgen der vierteiligen Dokureihe überschrieben, die die negativen Entwicklungen des real existierenden Kapitalismus allerdings nicht nur von einer heiteren Seite beleuchtet. In Kalifornien hat er Opfer der Immobilienkrise befragt, die sich einst zu den Gewinnern des Booms zählten. Heute ist ihnen nicht mehr geblieben als das eigene Automobil - für sie Fortbewegungsmittel und Behausung zugleich.

Die Krise und die hohen Spritpreise haben allerdings längst auch jene Branche erreicht, die sich als Inbegriff des amerikanischen Traums von Freiheit und Abenteuer sieht: Trucker-Vereinigungen schlagen Alarm, seit pro Monat 15.000 Lkws vom Markt genommen werden, weil mit Gütertransporten kaum noch Geld zu verdienen ist.

Ganz andere Probleme haben die Menschen im Westen Chicagos, die zuvor Klaus Laabs porträtiert. "Cease Fire" heißt ein Projekt, das endlich Schluss machen will mit dem Morden in Amerikas Städten; jährlich sterben dort 30.000 Menschen. In "Gewalt und Gnade" hat Laabs Exknackis befragt, die heute als Sozialarbeiter für die Abrüstung in den No-go-Areas streiten. Dabei hat er - wie auch Rossacher - Antworten auf die Frage gefunden, wohin sich die US-Kulturindustrie entwickelt, die Gewalt kultiviert und in Teilen Anhängsel der Werbe- und PR-Strategen geworden ist.

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