Arm und Reich in Washingtoon: Tote Sklaven wachen über Tobytown

Die schwarze Siedlung liegt mitten im noblen Washingtoner Vorort Potomac. Viele ihrer Bewohner sind arbeitslos und befürchten, deshalb vertrieben zu werden.

Der Nationale Weihnachtsbaum in Washington D.C.: Einige Bewohner sind als Nachbarn nicht erwünscht. Bild: imago/upi photo

WASHINGTON taz | Melvin Martin ist ein reicher Mann. Der 69-jährige Afroamerikaner mit dem grauen Lockenkopf lebt im Paradies. "Nirgends sonst wollte ich sein", erklärt der Reverend brummelnd unter seiner Camouflage-Mütze. Und damit meint er: Nicht mal hinter Nachbars Zaun.

Dort ragt eine millionenschwere Villa in den grauen Winterhimmel, eines von zahlreichen sogenannten "MacMansions" in Washingtons ländlichem Vorort Potomac. Hier wohnen Anwälte, Politiker, Chirurgen. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen von rund 160.000 Dollar ist dreimal so hoch wie im Rest des Landes.

Allradwagen knirschen über den Kies der Hofeinfahrten. Melvin kontert mit der quietschenden, rostigen Hollywoodschaukel auf seiner Veranda. Seine "Villa" ist ein bescheidenes Holzhäuschen. Eines von 26 in "Tobytown" - der schwarzen Armen-Enklave im reichsten Flecken Amerikas. Vielen ist sie ein Dorn im Auge.

Melvin sieht das anders: "Tobytown ist ein historischer Ort", erklärt er. "Tobytown - town of the free." Zehn freie Sklaven waren es, die 1875 nach dem Ende des Bürgerkriegs aus dem Süden nach Maryland geflohen waren, dem ersten Nordstaat hinter der Trennlinie nach Virginia.

Die Flüchtlinge aus Tennessee kamen mit Kisten und Pferden, um sich hier für 25 Dollar ein Stück Land zu kaufen. "Sie bauten Hütten, bohrten Brunnen und legten Gärten an", sagt der Reverend. "Meine Urgroßeltern kamen, fünf Jahre bevor Washington entstand." Weit und breit wohnte kein Weißer.

Bis dann eines Tages etwas geschah, das möglicherweise der Anfang vom Ende der kleinen Siedlung war. "Ein schwarzes Kind verletzte mit einer Pferdekutsche ein weißes", erzählt Melvin. "Jeder wusste: Entweder einer von uns geht ins Gefängnis oder wir brauchen einen Anwalt." Um ihn zu bezahlen, mussten sie ein Stück Land verkaufen.

"Weiße bauten darauf ihre erste Villa." Aus einer wurden zwei - und als Bauunternehmer in den 1960er Jahren den Wert der grünen Wald-Idylle erkannten, wurden es immer mehr. Melvins Nabel der Welt wurde zum Zwergenviertel inmitten riesiger Villen. "Für die neuen Nachbarn waren wir unsichtbar", erzählt Melvin, der älteste von heute rund 60 Einwohnern Tobytowns. Viele sind arbeitslos. "Wenn schon die Leute in den Villen über die Rezession stöhnen, wie soll es uns dann gehen?" fragt Melvin.

Melvin wuchs in einer Gemeinde auf, in der Zusammenhalt so wichtig war wie der Stolz auf das Erbe. "Alle stammen von Sklaven ab. Alle wissen, was Freiheit heißt." Dass diese Freiheit Grenzen hatte, erfuhr Melvin, als er in die Schule kam. "Eine rein schwarze Schule, denn woanders hatten wir nichts zu suchen." Erst 1958 änderte sich das.

Melvin ging aufs College, wurde Musiklehrer und zog nach Washington. "Tags war ich Lehrer, abends habe ich für die Regierung gejobbt." Glücklich wurde er nicht. "Ich hatte Sehnsucht nach Tobytown, wo ich als Junge unterm Walnussbaum geschaukelt hab." Doch die Wellblechhütten seiner Kindheit standen nicht mehr. Auf Druck der Nachbarn war der Bulldozer angerückt.

Der Landkreis hatte neue Häuser gebaut - mit festem Dach und Wasser und Strom. Wer darin wohnen wollte, musste arm sein. Da tat Melvin etwas, wofür seine Freunde ihn verrückt erklärten: "Ich kündigte meine Jobs und zog zurück nach Hause." Er wurde Schulbusfahrer und kutschierte 40 Jahre lang die Kinder der reichen Nachbarn in ihre Privatschulen. Viele Tobytowner taten es ihm gleich und kamen zurück.

Doch Melvin macht sich nichts vor: "Die Nachbarn behandeln uns wie Luft. Irgendwann werden sie versuchen, uns von hier zu vertreiben." Argwöhnisch wird jeder Fremde beäugt, der sich Tobytown nähert. "Unsere Vorfahren haben für unsere Freiheit gekämpft und wir werden sie verteidigen", sagt der Mann, auf dessen Sweatshirt Präsident Barack Obama Schulter an Schulter mit Bürgerrechtler Martin Luther King prangt.

"Wir wollen nicht dasselbe Schicksal haben wie unsere entwurzelten Ahnen." Deren Geister wachen über Tobytown - auf dem alten Friedhof neben der Veranda von Melvin Martin. Aus dem mit Schnee bedeckten Laub ragen nur zwei alte Grabsteine ohne Inschrift hervor. "Unsere Lieben ließen sich anonym begraben - doch jeder Überlebende wusste, wer wo lag", sagt Melvin. "Überall hier unter uns liegen sie", flüstert er ehrfürchtig. "Ihre Geister haben stets über uns gewacht - jetzt wache ich über sie."

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