Nicht alles nur geklaut

Der deutsche Medien-BWLer geht gern auf Nummer Sicher und kauft im Ausland erfolgreiche TV-Formate. Doch auch hierzulande werden Shows erfunden. Die sind auch erfolgreich – im Ausland

VON WILFRIED URBE

Man kennt das. „Big Brother“, „Wer wird Millionär?“, „DSDS“ – all die großen, erfolgreichen Unterhaltungsformate kommen aus dem Ausland. Meist aus Holland, Großbritannien oder den USA. Ist ja auch kein Wunder. So denkt er nun mal, der Betriebswirtschaftler im Medienmanagement: „Keine Experimente“. Was im Ausland erfolgreich ist, läuft auch hierzulande. Risikominimierung nennt man das – vor allem, wenn die Werbeeinnahmen sinken, ein schlagendes Argument. Und in Deutschland entwickelte Unterhaltungsformate gibt es ja ohnehin kaum.

Stimmt natürlich nicht. Nehmen wir mal die Produktionsfirma First Entertainment, eine Tochter des öffentlich-rechtlichen WDR, als Beispiel. Die hat ein Wort-Quiz namens „Think“ entwickelt, das ziemlich erfolgreich läuft – allerdings nicht in Deutschland – und auch nicht im nicht gerade vor innovativer Unterhaltung strotzenden WDR. Das Format läuft aber in Polen und Tschechien – und laut First Entertainment mit Marktanteilen von bis zu 47 Prozent in der Zielgruppe. Gerade wurde die Mischung aus „Glücksrad“ und „Wer wird Millionär?“ in die Slowakei verkauft. Österreich, Dänemark und Norwegen haben ebenfalls Interesse bekundet. Die deutschen Fernsehsender zögern. Was auch daran liegt, dass reine Quiz-Formate derzeit keine Konjunktur haben. Jürgen Irbacher, Entwicklungsleiter bei First Entertainment, sagt: „Es gibt Sender, die sagen, wir wollen derzeit kein Quiz.“ Langfristig werde man aber wieder dorthin zurückkehren. „Das ist eine Konstante im Programm, die nicht wie Talk-Formate von den Gästen abhängig ist.“

Vorurteilsfrei

Ähnlich wie First Entertainment entwickelt auch Eyeworks, eine Firma mit niederländischem Ursprung und deutscher Niederlassung, viel fürs Ausland. Oliver Fuchs von Eyeworks sagt: „Oft lässt sich der Ursprung eines Formats nicht mehr nachvollziehen. Letztendlich ist er auch unwichtig, allein die internationale Markttauglichkeit zählt. Wir sehen uns als internationale Player.“ Fuchs selbst ist Schweizer. Am Standort in der Nähe von Köln haben deutsche Mitarbeiter die „Timetainment“-Show „Anno Domini“ entwickelt. Dort müssen Kandidaten historische Ereignisse oder Personen zeitlich einordnen. In Belgien und Italien ist das Format bereits auf Sendung, in Frankreich, Spanien, Finnland und Polen zumindest optioniert. TV-Unterhaltung aus Deutschland kommt also durchaus an – jedenfalls im Ausland.

Um mit einem weiteren Vorurteil aufzuräumen: „Big Brother“ ist zwar ein holländisches Format, aber die derzeit laufende so genannte Klassenkampf-Variante ist spezifisch deutsch. „Das deutsche Redaktionsteam musste neue Steigerungen finden, immerhin ist das jetzt die fünfte Big-Brother-Staffel in Deutschland – so viele wie in keinem anderen Land der Welt“, sagt Big-Brother-Sprecherin Maren Mossig.

Bei First Entertainment ist man überzeugt, dass zukünftig Unterhaltung aus deutschen Landen neue Impulse bekommen wird. Marco Schröder, zuständig für die Geschäftsentwicklung: „Ideen und Produktionen aus Deutschland werden stärker werden, denn der Bedarf an Formaten steigt.“ ProSieben etwa habe jetzt die Programmfarbe Entertainment und konzentriere sich also auf ein ganzes Genre. „Zudem werden die Programm-Zyklen immer schneller“, so Schröder.

Zurzeit arbeiten die Kölner nach ihrem Erfolg „Der große Pisa-Test“ an der internationalen Vermarktung. Die Verhandlungen mit Österreich und der Schweiz laufen schon.

Und so wird neben Reality-TV auch die Quiz- und Testtrendwelle im Fernsehen weiter boomen: Ob Knigge, Jura, Führerschein oder Botanik – die Variationen lassen sich wahrscheinlich noch endlos fortführen. Robert van den Bogaard, holländischer Kreativ-Geschäftsführer von Eyeworks, glaubt: „Sich zu vergleichen als Mitglied einer Gruppe oder als Individuum, das ist anscheinend der Kick für viele Zuschauer.“

Deutsche jedenfalls werden in diesem, aber auch in anderen Genres stärker mitmischen – eine Entwicklung, die verschiedene Medienwissenschaftler mit der „Sozialisation der Macher“ begründen: Die seien ja bereits mit einer Fernsehkultur aufgewachsen, die ein Gefühl für innovative und leichte Unterhaltung habe entstehen lassen.