Druck vom Nachwuchs

Nach dem WM-Titel der deutschen U21-Handballer wird deren Integration ins Nationalteam gefordert

Mit der Goldmedaille um den Hals träumten einige von Deutschlands Nachwuchshandballern am Sonntagabend vielleicht schon von einem Auftritt im A-Team bei der Heim-EM 2024. Junioren-Weltmeister waren sie gerade in der ausverkauften Berliner Max-Schmeling-Halle geworden. Mit dem dritten Titelgewinn bei einer U21-WM nach 2009 und 2011 empfahl sich das deutsche Team vor den Augen von Bundestrainer Alfred Gislason zugleich für höhere Aufgaben. „Ich bin sehr stolz auf dieses Team. Das war beeindruckend und eine super Mannschaftsleistung“, lobte Gislason den DHB-Nachwuchs nach dem souveränen 30:23-Sieg gegen Ungarn.

Es war der krönende Abschluss eines außergewöhnlichen Turniers, bei dem die Mannschaft nach Ansicht von U21-Bundestrainer Martin Heuberger „eine Euphorie entfacht und vielleicht neue Handballfans gewonnen“ hat. Das Finale verfolgten bei Eurosport bis zu 1,03 Millionen, was einem für den TV-Spartensender ungewöhnlich hohen Marktanteil von 6,6 Prozent entsprach. „Wir hatten uns erträumt und erhofft, dass wir so viel Unterstützung bekommen, aber das war unglaublich“, lobte Heuberger.

Vor der Europameisterschaft befindet sich der deutsche Handball plötzlich im Stimmungshoch, zu dem auch der Champions-League-Triumph des SC Magdeburg Mitte Juni beigetragen hat. „Es ist gut, dass diese Euphorie entfacht wurde. Ich hoffe, dass die bis Januar hält und die A-Mannschaft ebenfalls diese Unterstützung erhält. Ich bin mir sicher, dass die Mannschaft beflügelt wird und ähnliche Erfolge einheimsen kann“, sagte Heuberger.

Der ehemalige DHB-Vizepräsident Bob Hanning forderte am Sonntag umgehend einen Neustart in der Nationalmannschaft, die im Frühjahr durch deftige Pleiten gegen Weltmeister Dänemark und Europameister Schweden einigen Kredit verspielt hatte. „Warum sollten wir weiter auf das Alte setzen? Wir müssen jetzt das neue Zeitalter einläuten“, sagte der Geschäftsführer des Bundesligisten Füchse Berlin. Seiner Ansicht nach sollten einige Leistungsträger aus dem Junioren-Team für die EM nächstes Jahr berücksichtigt werden. „Über Torwart David Späth muss man nicht einmal im Ansatz diskutieren. Ein Mann wie Justus Fischer funktioniert vorn und hinten. Renars Uscins hat eine ­super WM gespielt, Nils Lichtlein ebenfalls“, nannte der 55-Jährige einige Kandidaten für eine Beförderung in die Nationalmannschaft.

DHB-Sportvorstand Axel Kromer äußerte sich zurückhaltend über die EM-Chancen der Junio­ren-Weltmeister. „Jeder U21-Spieler ist in der Lage, sich in den nächsten Monaten so zu entwickeln, um in den Block des Bundestrainers zu kommen. Aber das ist nicht das Einfachste der Welt, denn wir haben nur wenige Trainingstage mit der Nationalmannschaft bis zur EM 2024“, sagte Kromer.

Generell sei es ein schwieriger Zeitpunkt für die Talente. „Im nächsten Jahr stehen eine Heim-EM, die Olympia-Qualifikation, hoffentlich Olympia und dann auch schon die nächste WM an – vier Turniere in 13 Monaten, das ist nicht der einfachste Zeitraum für junge Spieler, um in die A-Nationalmannschaft zu kommen“, sagte Kromer.

Zumal das A-Team nicht überaltert sei, sondern aus seiner Sicht bis 2028 zusammenspielen könnte. „Daher müssen sich die Jungs mit der Konkurrenz messen und sich gegen die Erfahrenen durchsetzen. Das ist eine große Aufgabe“, sagte Kromer. „Bis zur EM 2024 wird es sicher keinen kompletten Kaderwechsel geben. Wir müssen schauen, dass wir bei der Heim-EM die maximale Chance auf Erfolg haben. Das erwarten die Fans von uns.“ Das eine oder andere Talent dürfte dem A-Team jedoch guttun. (taz, dpa)