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: „Leuten eine neue Nase gebastelt“

Ein Pionier seiner Zunft: Eva Fuhry über den Kieler Chirurgen Friedrich Esmarch

Foto: CAU

Eva Fuhry

49, Medizinhistorikerin, leitet die Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung Kiel.

Interview Tatjana Smudzinski

taz: Frau Fuhry, zum 200. Geburtstag von Friedrich Esmarch stellen Sie seine Notizen und Zeichnungen aus.

Eva Fuhry: Es sind nicht seine eigenen Zeichnungen. Tatsächlich hat er sie bei akademisch ausgebildeten Künstlern oder auch seinen Studenten in Auftrag gegeben und sie durch Notizen ergänzt. Er hat zum Beispiel Informationen über die Krankengeschichte der Patienten und deren medizinische Versorgung festgehalten. Da es noch keine untergliederten Fachbereiche in der Chirurgie gab, hat er sich quasi mit allem beschäftigt: von Unfallchirurgie über Infektionen bis hin zu Krebserkrankungen.

Wer genau war Esmarch?

Esmarch war fast 50 Jahre hier in der Chirurgischen Klinik in Kiel tätig. Allgemein war er vor allem als Militärchirurg bekannt. Damit hatte er seine Karriere als Arzt begonnen. Er hat das Dreiecktuch entwickelt, was heute noch jeder aus dem Verbandskasten kennt. Weil er die Erfahrung gemacht hatte, dass verletze Soldaten viel zu lange unversorgt auf dem Schlachtfeld liegen blieben, hatte er den Einfall, dass jeder Soldat eine Grundausrüstung für Erste Hilfe mit sich führt. Später hat die Idee in die zivile Erste Hilfe Eingang gefunden.

Im 19. Jahrhundert ist in der Medizin sehr viel passiert. Bilden Sie diese Entwicklung ab?

Wir stellen in unserer Ausstellung Esmarchs Patienten ins Zentrum. Er selbst war sehr versiert. Er hat zum Beispiel plastische Operationen durchgeführt und Leuten, denen aufgrund irgendwelcher Krankheiten die Nase fehlte, eine neue gebastelt. Auch hat er die Kiefer-Lippen-Gaumenspalte operiert. Das setzte schon ein relativ hohes Niveau voraus. Er hat generell auch hohe Hygienestandards entwickelt. Zum Beispiel hat er im Operationssaal Desinfektionsnebel versprüht.

Es geht vor allem um seine Errungenschaften?

Nein, wir wollen ihn nicht übermäßig verehren. Uns geht es darum, welchen historischen Wert die Zeichnungen haben. Natürlich umfasst das auch medizinische Errungenschaften. Aber vor allem möchten wir den Umgang mit Patienten zu der Zeit thematisieren. Der war ganz anders als heutzutage. Gerade arme Patienten wurden vor Studenten und zum Teil auch von ihnen operiert. Das hat man bei Hochgestellten, Reichen natürlich nicht gemacht.

Ärmere Patienten dienten als Versuchskaninchen?

So würde ich das nicht sagen. Es war eine Win-win-Situation. Im Unterschied zu anderen Medizinern behandelte er eben auch Patienten, die kein Geld hatten oder durch Krankheiten bereits extrem entstellt waren. Ihm war wichtig, dass Ärzte das Vertrauen der Patienten gewinnen. Er sah ein großes Problem darin, dass viele Menschen viel zu spät zum Arzt gingen und so die Heilungschancen verringerten.

Ausstellung „Vor aller Augen. Was Kranksein für Menschen im 19. Jahrhundert bedeutete“: ab 21. 12., Kiel, Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung der Christian-­Albrechts-Universität

Also hatte er ein Herz für die Ärmeren?

Ich glaube, das medizinische Interesse überwog. Deswegen störte es ihn nicht, wenn man ihn nicht bezahlen konnte. Er war immer sehr gewissenhaft bei seinen Behandlungen.

Erfährt man in der Ausstellung auch persönliches über diese Patienten?

Es gibt auf jeder Zeichnung einen Verweis auf die Krankenakte. Da steht zum Beispiel drin, woher sie kamen und welchen Beruf sie hatten. Aus der Krankheitsgeschichte ergeben sich auch Hinweise auf das soziale Milieu. In einzelnen Fällen haben wir mehr herausfinden können: Zum Beispiel haben wir über einen Patienten, der als Fünfjähriger zu Esmarch kam, Berichte aus einer Dorfchronik entdeckt. Da stand, dass er seinen Mitmenschen auffiel, weil er eine laute und dröhnende Stimme hatte. Die hatte er durch die von Esmarch behandelte Gaumenspalte. Er wurde aber nie stigmatisiert, vermutlich weil die Gaumenspalte vernäht wurde und man davon nichts mehr sah.