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Ein erster Schritt

Die Bundesregierung zieht nach zehn Jahren Bilanz und verkauft das Elterngeld als Erfolgsmodell. Denn die Zahl der Väter, die es in Anspruch nehmen, ist kontinuierlich gestiegen. Doch bis zu einer gleichberechtigten Kindererziehung ist es noch ein langer Weg

80 Prozent der Väter, die in Elternzeit gehen, nehmen gerade mal die zwei „Partner­monate“ in Anspruch Foto: Gordon Welters/laif

Von Laila Oudray

2007 wurde das Elterngeld eingeführt, um Eltern nach der Geburt des Kindes im ersten Jahr finanziell abzusichern. Es wird für zwölf Monate gezahlt und zwei Monate länger, wenn beide Elternteile jeweils für eine bestimmte Zeit aus dem Job aussteigen, um sich um das Kind zu kümmern.

Der Staat belohnt mit diesen zwei „Partnermonaten“ väterliches Engagement. Einerseits soll den Müttern so ein früherer Berufseinstieg ermöglicht werden. Andererseits steckt dahinter die Vorstellung, dass Arbeitgeber*innen nicht mehr automatisch davon ausgehen können, dass nur die Mütter beim Nachwuchs zu Hause bleiben. „Das verändert natürlich auch die Gesamteinstellung zum Thema Familie und Beruf“, betonte Kanzlerin Angela Merkel beim diesjährigen Demografiegipfel in Berlin.

Das Elterngeld sollte ein Paradigmenwechsel sein, und darum werden auf Websites und Broschüren auch explizit die Väter angesprochen. Mit Beispielrechnungen werden ihnen die finanziellen Vorteile vorgeführt. Immer wieder ist die Warnung zu lesen: „Verschenken Sie kein Geld!“, als ginge es um einen KfzVersicherungswechsel .

Nach zehn Jahren hat das Familienministerium nun eine Bilanz veröffentlicht. Diese soll vor allem eines zeigen: Das Elterngeld funktioniert. Und tatsächlich nimmt inzwischen ein gutes Drittel der Väter Elterngeld in Anspruch, Tendenz steigend. Wobei die regionalen Unterschiede beträchtlich sind: Während es in Sachsen rund 58 Prozent der Väter sind, liegt ihr Anteil in Berlin bei nur 38 Prozent. Zum Vergleich: Beim Erziehungsgeld, das es bis 2006 gab, lag der Anteil der Väter bei lediglich rund 2 Prozent.

Für die Bundesregierung ist das ein Grund zum Jubeln, doch wer die Zahlen unter die Lupe nimmt, erkennt, dass es bis zu einer gleichberechtigten Arbeit bei der Kindererziehung noch ein langer Weg ist.

Im Idealfall würde die Elternzeit gleichmäßig auf beide Erziehungsberechtigte aufgeteilt. 60 Prozent der Paare mit Kindern unter drei Jahren wünschen sich das laut dem Väterreport von 2016 auch. Die Realität sieht allerdings anders aus: Von den bundesweit 34 Prozent der Väter, die das Elterngeld beanspruchen, nehmen etwa 80 Prozent gerade mal die zwei „Partnermonate“ in Anspruch. Dagegen bleiben etwa 80 Prozent der Frauen zehn bis zwölf Monate zu Hause beim Kind. Zwei Monate sind mehr ein verlängerter Sommerurlaub als eine tatsächliche Auszeit aus dem Job und nur halb so lang wie der gesetzliche Mutterschutz bei Frauen.

Frauen sind also auch dann immer noch deutlich mehr in der Kindererziehung involviert, wenn Männer in Elternzeit gehen. Die Hoffnung, dass man mit dem Elterngeld die berufliche Diskriminierung von Frauen überwinden könne, wird sich so nicht erfüllen. Der Väterreport liefert Hinweise, warum es beim Elterngeld zu solchen Widersprüchen kommt.

So konnte bisher zwar nicht nachgewiesen werden, dass die Elternzeit einen Karriereknick für Männer bedeutet. Doch viele Väter befürchten genau dies: Fast jeder fünfte Vater hat laut Väterreport aus Angst vor beruflichen Nachteilen komplett auf die Elternzeit verzichtet. Dagegen ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann Elterngeld in Anspruch nimmt, dann wesentlich höher, je offener die Arbeitgeber*innen dafür sind. Gibt es blöde Sprüche oder einen spürbaren Widerwillen, verzichten Männer lieber auf das Elterngeld oder steigen schnell wieder in ihren Job ein.

Aus Angst vorm Karriereknick verzichten Väter auf die Elternzeit

Einen möglichen Karriereknick durch die Elternzeit scheinen indes viele Mütter bis heute hinzunehmen. Es wird von ihnen eher erwartet, dass sie nach der Elternzeit zu Hause bleiben oder zumindest ihre Wochenarbeitsstunden reduzieren. Der Vorwurf, dass sie Rabenmutter seien, die ihre Kinder im Stich lassen, wird immer noch schnell geäußert, wenn sie zu frühzeitig in den Job zurückkehren.

Ein weiteres Problem beim Elterngeld: Bei Familien, bei denen es auf jeden Cent ankommt, hilft es kaum. Denn wer jeden Cent im Monat für den Lebensunterhalt ausgeben muss, der kann auf 35 Prozent des Gehalts nicht so ohne Weiteres verzichten.

Im Wahlkampf spielte das Elterngeld nur eine untergeordnete Rolle. Dabei gibt es Handlungsbedarf – zumindest wenn man eine tatsächliche Gleichstellung anstrebt. So schlugen die Grünen in ihrem Wahlprogramm etwa eine sogenannte KinderzeitPlus vor. Demnach soll jeder Elternteil acht Monate lang eine finanzielle Unterstützung erhalten – weitere acht Monate können frei zwischen den Eltern aufgeteilt werden. Ob sie das in einer möglichen Jamaika-Koalition durchsetzen können, wird sich erst zeigen.

Das Elterngeld hat in den letzten zehn Jahren zweifellos die Väter stärker in die Kindererziehung eingebunden als vorher. Dadurch wurde aber auch deutlicher, wie sehr Strukturen in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft eine Gleichstellung der Geschlechter verhindern. Deshalb sollte das Elterngeld weiter entwickelt werden. Vielleicht hat man dann in zehn Jahren Zahlen, die wirklich Anlass zum Jubeln geben.