FMLN-Guerilla will einen Waffenstillstand

Die UNO-Friedenstruppe ONUCA soll den Waffenstillstand in El Salvador überwachen / Ob der aufgekündigte Friedensdialog wieder in Gang kommt, ist jedoch ungewiß / Die FMLN ließ die im Sheraton-Hotel gefangenen US-Militärberater frei und verschwand unbemerkt  ■  Aus San Salvador Ralf Leonhard

Mit der Lösung der „Sheraton-Krise“ mündete die Großoffensive der Guerilla in eine Verschnaufpause, in der die Diplomatie wieder zum Zuge kommen soll. Die FMLN hat einen Waffenstillstand akzeptiert, wie ihn die Generalsekretäre der UNO und OAS sowie verschiedene europäische Regierungen gefordert haben. Wenn die Vermittlungen, an denen auch der deutsche Bischof Emil Stehle beteiligt ist, kein Ergebnis bringen, wird die Guerilla nach übereinstimmender Meinung von Militärexperten bald wieder angreifen. Denn sie muß weiter Druck machen, wenn sie nicht will, daß der politische Erfolg ihrer bisherigen Aktionen verpufft.

Am Mittwoch abend erklärte die FMLN ihre Bereitschaft zu einem Waffenstillstand, den die UNO-Friedenstruppe für Mittelamerika (ONUCA) überwachen soll. Die Regierung der USA solle ihren Einfluß auf „ihre Verbündeten in der Armee und der Arena-Partei im Interesse einer politischen Lösung geltend machen“. Diplomaten und Kirchenvertreter sind allerdings pessimistisch, was den Dialog zwischen der salvadorianischen Regierung und der Guerilla angeht. Denn Präsident Cristiani hat gegenüber der Armee und der eigenen Partei kaum die Macht, ernsthafte Verhandlungen zu führen.

Das Sheraton-Hotel in San Salvador, das den ganzen Dienstag Schauplatz von heftigen Gefechten gewesen war, befand sich am Mittwoch in der Hand der Armee. Wie sich erst nach dem Ende der Hotelbesetzung klärte, waren es nicht vier, sondern zwölf US-Militärberater, die sich in der Gewalt der Guerilla befunden hatten. Die Green Berets waren nach Ansicht ausländischer JournalistInnen unmittelbar nach Beginn der Offensive eingeflogen worden. Aus Washington wurde dagegen erklärt, die Männer hätten an einem Trainingsprogramm teilgenommen, in dessen Rahmen kleine Gruppen von US -Soldaten für rund zwei Wochen in Ländern außerhalb der USA ausgebildet werden. Die 15 bis 20 Besetzer betrachteten die US-Offiziere, die sich im dritten Stock des Hotels verschanzt hatten, nicht als Geiseln und knüpften außer einer einstündigen Feuerpause keinerlei Bedingungen an deren Freilassung. Dienstag abend traf Bischof Emil Stehle in Begleitung von Weihbischof Gregorio Rosa Chavez und dem Chef der Rotkreuzmission im Sheraton ein, um 17 Hotelgäste verschiedener Nationalitäten, darunter eine Bundesdeutsche, zu evakuieren. Vertraulichen Informationen zufolge wurden gleichzeitig die Guerilleros aus dem Hotel gebracht. Die Vermittler dürften absichtlich den Beginn der Ausgangssperre um 18 Uhr abgewartet haben, um die Aktion mit höchster Diskretion abzuwickeln. Die Anti-Terror-Einheit Delta Force, die US-Präsident George Bush am Dienstag nach San Salvador entsandt hatte, kam nicht zum Einsatz.

In der folgenden Nacht zog sich die Guerilla aus dem Nobelviertel Escalon zurück. Außer im nordöstlichen Vorort Apopa und im nordwestlichen Stadtteil San Antonio Abad wurde Mittwoch in der Peripherie von San Salvador keine Guerillakonzentration mehr gemeldet. US-Botschafter William Walker sprach daraufhin in einer Pressekonferenz von einer großen militärischen und politischen Niederlage der FMLN.

Tatsächlich ist es der Guerilla nicht gelungen, einen entscheidenden Rückhalt in der salvadorianischen Bevölkerung zu gewinnen. Der 39jährige Tischler Jose Luis Jimenez, der vor den Kämpfen der letzten Tage in ein zum Auffanglager umfunktioniertes Fußballstadion geflüchtet ist, spricht wohl für viele. Er meint, daß die Armee die Bevölkerung nicht bombardiert hätte, wenn die Guerilla nicht angegriffen hätte. In Mejicanos und den anderen Arbeiterbezirken haben sich die meisten Sympathisanten und Kollaborateure, viele von ihnen Aktivisten von Volksorganisationen, den Guerillaeinheiten angeschlossen. Denn die legale Arbeit wird unter den Bedingungen zunehmender Repression und Polarisierung lange nicht mehr möglich sein. Die meisten Zurückbleibenden sehen den Konflikt als eine Auseinandersetzung zwischen zwei Kräften, mit denen sie nichts zu tun haben wollen.