■ DIE BESTEN KELLNER DER STADT
: Ralf mit den Ungeheuern

Und er trägt sie immer noch: die langen Koteletten, die er sich wachsen ließ, als das als trendy galt. Er trägt sie aus purem Trotz, wie ich finde — allerdings: Ohne diese Oswald-Kolle-seventies-Koteletten wäre Ralf niemals zu meinem Lieblingskellner geworden.

Eines Abends arbeitete Ralf mal wieder im Strada in der Potsdamer Straße, als die ersten Barthaare vor seinen Ohren zu sprießen begannen. »Mach das weg«, sagte ich zu ihm, was nur verständlich ist, wenn man jemals seine Ohren gesehen hat. »Warum denn?« fragte er schnippisch zurück. Was auch wieder nur zu verstehen ist, wenn man jemals seinen Blick dazu gesehen hat. Naja, sagte ich ihm, weil diese Koteletten nicht mehr originell seien; aber die Original-70er-Jahre sagen Ralf nicht mehr als »Kinderladen« und »Kicken im Bremer Ostertorviertel«.

Dann versuchte er den ganzen Abend, seine flusenhaften Anfänge von Koteletten zu erspähen: Ein prüfender Blick in Dreiviertel- drei-Stellung auf der Suche nach den Ohren. So oft wie an diesem Abend hat er selten in den Spiegel geguckt, obwohl Ralf auch sonst zumindest so eitel ist, wie es sich für einen Kellner gehört.

Schlußendlich blieben die Koteletten dran, und keine Frage: Wie sähe er denn heute aus, wenn er immer allen dummen Ratschlägen hinsichtlich seiner Person gefolgt wäre? — Zum Beispiel seiner Großmutter, die ihn als Kind ins Krankenhaus schicken wollte, um seine Ohren anlegen zu lassen. — Ralf hat Segelohren, daß man ihn auf der Erde festbinden müßte, damit er nicht abhebt. Irgendwann ist er sich dieser Ungeheuer bewußt geworden, seitdem lebt er mit ihnen. Wie mit seinen O-Beinen, durch die ein ganzes Netz Fußbälle passen würde. Tatsächlich, Ralf war Fußballer, aber bestimmt kein besonders guter — oder gerade doch? Denn sein Blick ist noch entwaffnender als seine Ohren und seine Beine zusammen. Mit seinen großen, braunen Augen springt er durch das Lokal wie das Reh über die Lichtung, und seine Augen sind groß genug, um quasi jeden Wunsch von den Augen der Kundschaft abzulesen. Ralf weiß immer, wer was wann will, oder man glaubt zumindest, genau das gewollt zu haben, was er dann bringt. Dabei ist er kein Profi, sondern einer von der Sorte, die sich immer überlegen, ob sie lieber Aushilfskellner oder Aushilfsstudent sind.

Ralf ist weder Profi noch Studi, sondern die funktionierende Ausnahme von allen Stereotypen. Von ihm würde man auch einen Gebrauchtwagen kaufen, und man wäre ihm nicht mal böse, wenn an der nächsten Ecke der Auspuff abfiele: Es könnte nur ein Versehen sein, denn Ralf ist ordentlich ohne Steigerungsmöglichkeit, eben der nette junge Mann von nebenan. Dieses Image kann er nur aushalten, wenn er ab und an ausflippt — ordentlich natürlich. Dann raucht der alte Sportsmann Zigaretten oder geht in den »Tresor«.

Auf den ersten Blick ist Ralf das, was man einen idealen Schwiegersohn nennt, aber auf den zweiten ist er so verschlagen, daß er für jede Schwiegermutter viel zu schade wäre. Lutz Ehrlich