Windheulen, Lawinendonner

■ Peter Zadek inszeniert in München Ibsens „Wenn wir Toten erwachen“

München wollte wieder einmal leuchten — nach Erfolgsrezept: Man nehme einen bekannten Regisseur, suche sich ebenso berühmte Schauspieler und gebe ihnen Deutschlands bestes Theater. Wenn wir Toten erwachen — Peter Zadek inszenierte an den Kammerspielen (das erste Mal) mit Gisela Stein, Sunnyi Melles und Ulrich Wildgruber. Am Freitag war Premiere.

Zadek hatte sich für ein unbekanntes Stück entschieden, ein unbequemes dazu. Wenn wir Toten erwachen ist 1899 als letztes Werk Ibsens entstanden. „Das letzte Drama des 19.Jahrhunderts“ — eine Art Abrechnung mit dem Gewesenen, eine späte Gralsuche. Den Lebensfindungsprozess des Protagonisten, des alternden Bildhauers Arnold Rubek, verfolgt der Regisseur mit einem Augenzwinkern — ein Versuch, dem Stück die Erdenschwere zu nehmen. Was nicht immer gelingt. Streckenweise zäh zieht sich das Drama dahin und staubt auch manchmal wie das gar zu naturalistische Bühnenbild.

„Ich bin Künstler“, ist die unentwegte Ausrede des Bildhauers Rubek (Ulrich Wildgruber) für all seine menschliche Unfähigkeit. Die Tage seines Ruhms sind lang vorüber, das Genie hat ihn verlassen. Er kompensiert, indem er sich mit Schönheit umgibt. Sein Stadtpalais, die Villa am See und nicht zuletzt Maja (Sunnyi Melles), seine schöne, so viel jüngere, wenn auch etwas unbedarfte Frau, sollen sein sinnentleertes Leben aufwerten.

Den Sommer verbringt man in einem norwegischen Badeort, das erste Mal seit der Hochzeit zurück in der Heimat. Man sitzt bei Champagner auf der Hotelterrasse und liest ein wenig. „Wer hätte auch gedacht, daß sich hier zu Hause alles so schrecklich verändert haben sollte! Und in so kurzer Zeit auch noch“, sagt Maja und trifft damit Rubeks wunden Punkt. Ihm wird auf dieser Reise in die Vergangenheit nur allzu deutlich, daß sich nicht die Umgebung verändert hat, sondern er selbst.

Dennoch scheint Zadeks Rubek nicht verzagt oder gebrochen, ist zwar bitter, nicht aber verbittert. Man muß ihn sogar gern haben, wie er da sitzt, ganz großes Kind in seinem schwarzen Samtjäckchen.

Sunnyi Melles, Goldilock im eleganten Reisekostüm, ist mal verlorener schutzbedürftiger Vogel, mal lebenshungrige Luxuspuppe. Rubek ist für sie eine Lebensform, ein Rahmen, vielleicht auch Halt. Sein Interesse für die große helle, doch fast greisenhafte Dame, die durch den Badeort geistert, kann sie ganz und gar nicht nachvollziehen. Wieviel lebendiger ist da doch der Gutsbesitzer Ulfheim, genannt der Bärentöter, ein urwüchsiges Produkt aus den Bergen, dem Kunst ebenso wenig bedeutet wie ihr.

Entdeckt Maja in Ulfheim (Andraś Fricsay Kali Son) den Begleiter, mit dem sie ganz heidimäßig durch die Bergwelt streifen kann, findet Rubek in der geheimnisvollen Dame seine Muse Irene (Gisela Stein) wieder. Das Wiedersehen aber ist kein freudiges. Irene, die Zombiehafte, ist voll des Vorwurfs. Rubek hat sie nur für seine Kunst mißbraucht, nur ihrem Äußeren Beachtung geschenkt, niemals ihrem Wesen. Sie läßt seine Entschuldigung, daß er Künstler sei, nicht gelten und gibt ihm die Schuld an ihrem frühzeitigen Tod.

Verzeiht der Zuschauer die Sünden Rubeks allein schon wegen seines mitleidheischenden Blicks, ironisiert Ulrich Wildgruber den Künster in seiner Schaffenskrise: bald grantig, bald mühsam, bald liebenswert. Gisela Stein, die perfekte Frühleiche, ist in ihrer Ernsthaftigkeit auch schon wieder komisch. Allein ihr Outfit: cremefarbene fließende Gewänder, wie Haar und Gesicht scheinen sie mit totenblassem Puder eingestäubt zu sein.

Wie Maja und der Bärentöter machen sich Rubek und Irene auf die Suche nach ihrem verlorenen Leben: ins Hochgebirge. Hier schlägt nun die rauhe Natur zu und leider auch der Bühnenbildner (Götz Loepelmann).

Da stehen ganze Felsmassive mit integriertem Miniaturwasserfall, da drapieren sich die Gesteinsschichten zu großen Höhen wie kleinen Höckerchen. Im Hintergrund türmt sich ein drohend dunkles Bergmassiv, das sogar erglühen muß— eine Ganghofer-Filmkulisse. Und Frau Maja, mit flottem Hütchen schräg über die Lockenpracht gestülpt, hüpft mit langem Wanderstab über die Pappfelsen.

Als sich die ungleichen Paare ein letztes Mal begegnen, auf dem Gipfel, kurz vor einem nahenden Unwetter, wird Ulfheim, das häßliche Ungetüm, Maja retten, indem er sie auf starken Armen ins Tal trägt. Rubek dagegen strebt weiter nach oben, alle Warnungen ignorierend. Hand in Hand schreiten sie aufrecht, Rubek in seinem Mantel, Irene im langen, roten Samtkleid, um dann, wenig theatralisch, hinter einem Felsmassiv zu entschwinden.

In Ibsens Regieanweisung heißt es: „Eine Lawine gleitet und wirbelt in rasender Geschwindigkeit zu Tal. Rubek und Irene sind undeutlich zu erkennen, mitgewirbelt in den Schneemassen, und werden unter ihnen begraben.“ In München stellt die Geräuschmaschine derweil von Windheulen auf Lawinendonner um.

Von Lilli Thurn und Taxis

Henrik Ibsen: Wenn wir Toten erwachen . Regie: Peter Zadek, Bühne: Götz Loepelmann, Musik: Peer Raben. Mit Ulrich Wildgruber, Sunnyi Melles, Gisela Stein. Münchner Kammerspiele

Weitere Aufführungen: 17.und 27.Dezember