Marsch für Jesus

■ 80.000 Charismatiker in Berlin unterwegs

Berlin (taz) – Was den Ex-kommunistischen Soldaten der russischen Westgruppe verwehrt wurde, bekamen die antikommunistischen, charismatischen Christen zur gleichen Zeit ohne weiteres zugestanden. Ihre sonnabendliche „Jesus-Parade“ durfte die gesamte Innenstadt von Berlin lahmlegen. Etwa 80.000 fundamentalistische Protestantiker und Freikirchler jeglicher Couleur marschierten in Jesus Namen von der Gedächtniskirche bis zum zwölf Kilometer entfernten Olympiastadion. Die überwiegend jungen Leute zeigten sich dankbar. Wieder ein Beweis, daß „Jesus lebt“. Sie warfen die Arme hoch, schlossen die Augen und beteten auf Schritt und Tritt. Für den Regierenden Bürgermeister Diepgen, für den Berliner Senat, auf daß er „die Kraft habe“, die derzeitige „Krise zu überwinden“ und überhaupt für Dich und mich.

Was nütze der ganze Glauben, meinen die Freizeit-Missionare und Missionarinnen, wenn er nicht „bekannt“ und „keinen Namen“ habe. Jeder habe die Chance, sein „Leben zu recyclen“, den richtigen Weg zu Jesus zu finden, wenn die „dämonischen Kräfte“ nur erst besiegt seien. Halleluja. Später im Olympiastadion, unter amerikanisch geschulter Erweckungsdemagogie, ging das Bekennen erst richtig los. Immer wieder wurde der stundenlange Marathongottesdienst mit der Nachricht unterbrochen, daß schon wieder ein Zweifler, „gerade in diesem Moment und mitten unter uns“ die „Wahrheit“ und Jesus gefunden habe.

Das war das Klima, in dem sich der Regierende Bürgermeister so richtig wohl fühlte. Obwohl die Amtskirchen sich von der Veranstaltung distanziert hatten, die „Deutsche Katholische Jugend“ sie als „nationalistisch und reaktionär“ bezeichnete, hielt Eberhard Diepgen auch hier, wie schon zuvor bei der Militärparade der Russen, eine zündende Rede. Nicht direkt für Jesus, aber für die christlichen Werte, für die die Charismatiker auf die Straße gehen. Er bekannte sich zu Familie und Nachbarschaft, zu den „solidarisierenden Werten der christlichen Botschaft“ und gegen eine „egozentrische Selbstverwirklichung“. „Wir haben nicht den totalitären Kollektivismus des Sowjetimperiums überwunden, um nun einem hemmungslosen Individualismus zu frönen“, rief er – allerdings lange nicht so professionell wie die deutschen Billy Grahams – ins Mikrophon. Und alle jubelten.

Geboren wurde der „Marsch für Jesus“ 1987 in London. Insgesamt soll es Samstag weltweit in hundertsechzig Städten charismatische Aufmärsche dieser Art gegeben haben, sagen die Veranstalter. Wir sagen dazu: Halleluja. Anita Kugler