Dallas in Downtown Baku

Beim Acht-Milliarden-Dollar-Vertrag zwischen Aserbaidschan und westlichem Ölkonsortium will Rußland einen Fuß in der Tür haben  ■ Von Jürgen Gottschlich

Abseits öffentlicher Auftritte, wenn die beiden ganz unter sich sind, wird Bill Clinton mit Boris Jelzin in diesen Tagen in Washington ein ernstes Wort geredet haben. Im Auftrag und Interesse von drei großen US-Ölkonzernen wird Clinton seinen Präsidentenkollegen daran erinnert haben, daß die russischen Hegemonialansprüche auch in den Staaten der früheren UdSSR nicht mehr uneingeschränkte Geltung haben und schon gar nicht, wenn dadurch amerikanische Interessen gefährdet sind. Falls Rußland weiterhin auf Wirtschaftshilfe Wert legt, so die US-Maxime, sollte es sich nicht länger gegen ein westliches Joint- venture mit Aserbaidschan wehren, das zum Ziel hat, drei neue Ölfelder im Kaspischen Meer zu erschließen und auszubeuten.

Nach jahrelangem Feilschen ist jetzt in Baku unterschrieben worden: Ein Konsortium von acht westlichen Ölkonzernen, an der Spitze die US-amerikanischen Amoco Corp, Pennzoil und Unocal Corp zusammen mit der British Petroleum, einer norwegischen und einer türkischen Company erhielt am letzten Dienstag vom aserbaidschanischen Präsidenten Alijew persönlich den Zuschlag für einen Acht-Milliarden- Dollar-Deal. „Dieser Vertrag“, so Ian Cuthbertson, Spezialist des World Policy Institut in New York gegenüber der Herald Tribune, „wird die Weltkarte, wie sie bislang in Washington benutzt wurde, verändern.“ Das Geschäft ist der größte Ölkontrakt, den westliche Konzerne in der früheren Sowjetunion bislang abgeschlossen haben. Geplant ist, in vier Jahren 600.000 Barrel täglich aus den neuen Ölfeldern herauszuholen. Die Ölreserven im aserbaidschanischen Teil des Kaspischen Meeres sollen insgesamt rund 5 Milliarden Barrel betragen, US-Prospektoren gehen sogar davon aus, daß in dem Gebiet die größten Reserven nach den saudischen Ölfeldern schlummern. Beide Seiten versprechen sich von dem Joint-venture, das offiziell zwischen dem Westkonsortium und der staatlichen aserbaidschanischen Ölgesellschaft abgeschlossen wurde, ein Bombengeschäft. Für die Ölkonzerne ist das kaspische Öl, verglichen etwa mit dem Alaska- oder selbst dem Nordseeöl leicht auszubeuten. Die aserbaidschanische Regierung hofft ihrerseits auf die große Dollarschwemme, die die Ölkonzerne in ihre leeren Kassen spülen sollen. Leicht verdientes Geld, mit dem Aserbaidschan binnen kurzem zu einer der reichsten Republiken der Ex-Sowjetunion werden könnte.

Rußland will Kontrolle und Gewinnbeteiligung

Wo es um solche Dimensionen geht, wollen andere möglichst auch einen Fuß in der Tür haben. So hat Rußland, dessen Regierung letzte Woche noch einmal öffentlich gegen den Vertrag Stimmung machte, es jahrelang geschafft, eine Vertragsunterzeichnung zu verzögern. Nach offizieller Moskauer Rechtsauffassung soll das Öl aus dem Kaspischen Meer allen Anrainerstaaten zugute kommen – was Aserbaidschan natürlich entrüstet zurückweist und im übrigen auch geltendem internationalem Recht widerspricht. Tatsächlich stützten die Russen ihre Ansprüche auch nicht auf Rechtsinterpretationen, sondern auf die Macht des Faktischen. Die einzige bislang existierende Pipeline, um Öl aus dem Kaspischen Meer an einen Hafen mit Zugang zu den Weltmeeren zu transportieren, geht nördlich des Kaukasus durch Rußland zum Schwarzen Meer. Die Moskauer Strategen bestehen darauf, daß diese Pipeline auch für den Transport genutzt wird, um so die Kontrolle über das Geschäft zu bekommen und eine entsprechende Gewinnbeteiligung durchsetzen zu können. Aus genau diesen Gründen waren die wechselden aserbaidschanischen Regierungen seit ihrer Unabhängigkeit vor drei Jahren gegen die russische Pipeline.

Ölkonzerne favorisieren Mittelmeerhafen

Gemeinsam mit den Ölkonzernen favorisieren sie eine Anbindung an einen türkischen Mittelmeerhafen – eine Lösung, für die sich selbstverständlich auch die türkische Regierung seit Jahren stark macht. Das Problem ist die Geographie. Aserbaidschan hat keine gemeinsame Grenze mit der Türkei, dazwischen liegt Armenien, und zwischen Armenien und Aserbaidschan herrscht Krieg. Seit sieben Jahren kämpfen die beiden ehemaligen Sowjetrepubliken um Berg-Karabach, ein Gebiet innerhalb der Grenzen Aserbaidschans, das mehrheitlich armenisch besiedelt ist und auch historisch armenisches Siedlungsgebiet war. In diesem Krieg, der noch zu Gorbatschows Zeit ausbrach und nach Auflösung der UdSSR immer größere Dimensionen annahm, spielt Rußland eine schwer zu durchschauende Rolle. Die Warnung, die Jelzin am Montag vor der UNO-Vollversammlung ganz unspezifisch an alle Welt richtete, geht jedoch zuallererst an seine eigene Adresse. „Versuche“, so Rußlands Präsident, „Gegensätze zwischen GUS-Staaten für sich auszunutzen, sind kurzsichtig.“

Genau das aber hat Rußland im Transkaukasus getan. Solange der Krieg in und um Karabach anhält, ist die innenpolitische Situation in Aserbaidschan so instabil, daß die westlichen Konzerne sich nicht engagieren, und ist der Weg für eine Pipeline in die Türkei praktisch versperrt. Die Tatsache, daß jetzt ein Vertrag unterzeichnet wurde, ist trotz der öffentlichen russischen Proteste ein Indiz dafür, daß sich hinter den Kulissen etwas getan hat. Tatsächlich ist es an der Front in Karabach seit Mitte Mai ruhig, ein unter russischer Vermittlung zustande gekommener Waffenstillstand wird im großen und ganzen eingehalten, und Jelzins Sonderbotschafter Kasimirov ist pausenlos bemüht, eine tragfähigere Vereinbarung zwischen den Karabach-Armeniern, Aserbaidschan und Armenien auf die Beine zu stellen. Die Russen, so heißt es in Baku, wollen jetzt auch Ruhe an der Front. Bereits Ende Juli sickerte in Baku durch, daß die aserbaidschanische Regierung im Gegenzug bereit ist, Rußland nun auch direkt an den Ölmilliarden zu beteiligen. Eine russische Staatsfirma soll zu einem Drittel an der staatlichen aserbaidschanischen Ölcompany beteiligt werden — Moskau erhielte dadurch ansehnliche Tantiemen. Darüber hinaus ist eine pragmatische Lösung in der Pipelinefrage in Sicht. Da der Bau einer neuen Pipeline zum Mittelmeer selbst unter günstigen politische Bedingungen etliche Zeit in Anspruch nimmt, soll erst einmal die russische benutzt werden. Später könne man dann, durch Georgien, eine Pipeline in die Türkei bis ans Mittelmeer bauen.

Wenn die Russen auf US-Druck hin einer solchen Lösung zustimmen, wird wohl auch die Türkei für einen überschaubaren Zeitraum die russischen Öltanker durch den Bosporus fahren lassen. Offiziell stellt Ankara sich noch auf den Standpunkt, es sei viel zu gefährlich, die Riesentanker mit dem Öl aus dem Kaspischen Meer durch die Meerenge vor Istanbul zu schleusen. Jeder Unfall, und das ist nicht von der Hand zu weisen, hätte katastrophale Folgen.