Kein historisches Verständnis

■ Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, fürchtet, daß der Neubau auf dem Gestapo-Gelände kippt

Auf der Sparklausur des Senats wurde entschieden, den geplanten Neubau für das Dokumentationsund Ausstellungszentrum „Topographie des Terrors“ auf das Jahr 2000 zu verschieben. Der Bau soll 45 Millionen Mark kosten, 20 Millionen davon kommen vom Bund. Der Neubau sollte 1998 fertiggestellt sein.

taz: Verabschiedet sich Berlin mit dieser Entscheidung von seiner Vergangenheit?

Andreas Nachama: Die Enttäuschung ist natürlich sehr groß. Es ist ein Zeichen dafür, daß die Politiker, die das Sagen haben, kein historisches Verständnis haben, wie Berlins Rolle im Nationalsozialismus einzuschätzen ist. Keine Gedenkstätte, die in der Bundesrepublik gebaut wurde, ist zustande gekommen, weil eine Regierung das wollte. Sie wurde nur dann gebaut, wenn es Druck von unten, von Betroffenen gab. Letztendlich wird sich jetzt zeigen, ob auch nach 50 Jahren noch genügend Interesse und Druck da sind – oder ob man sagt, die Bundeshauptstadt ist eine Hauptstadt die keine Auskunft darüber gibt, wie die Reichshauptstadt im Nationalsozialismus einmal aussah. Die Stadt macht sich mit dieser Entscheidung lächerlich. Denn es geht ja hier nicht um irgendeine Behörde, sondern um das Reichssicherheitshauptamt, das den Naziterror in ganz Europa koordiniert hat.

Wird der Neubau überhaupt gebaut?

Aus meiner Sicht ist die Entscheidung, ob der Neubau gebaut wird, auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben worden. Denn niemand weiß, wie der Senat in der nächsten Legislaturperiode aussieht und wieviel Geld da ist. Kultursenator Radunski hat gesagt, er hätte die Bundesgelder gesichert, doch auch da muß man sagen, im Jahr 2000 wird es eine andere Bundesregierung geben. Ich kann mir kaum vorstellen, wie das klappen soll, da diese Zusage viel zu unverbindlich ist. Es wird Sand in unsere Augen gestreut.

Gibt es denn noch andere Möglichkeiten, den Neubau zu finanzieren, beispielsweise mit privaten Geldern?

In den nächsten Tagen wird man erst einmal darüber nachdenken, was mit dem Gelände passiert, denn die Baugrube ist ja schon ausgehoben. Ob Privatgelder zur Verfügung stehen, weiß ich nicht. Ich stelle mir jedoch schon vor, daß man die Politiker aus ihrer Verantwortung nicht entläßt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß das, was jetzt nach der Sparklausur gesagt wurde, das letzte Wort sein soll. Man wird jetzt auch noch mal mit der Bundesregierung darüber sprechen müssen. Denn letztlich ist es ja die Bundesregierung, die nach Berlin zieht, und die Entscheidung zeigt nur die Provinzialisierung des Senats, der für die Geschichte der Stadt nicht nachkommen kann. Ich meine nicht, daß die Bundesrepublik sich das leisten kann, in ihrer neuen Hauptstadt nichts über die Geschichte zu sagen. Interview: Julia Naumann