Öko-Bauern fallen vom Fleische

■ 5.200 Rinder sollen nach dem ersten BSE-Fall eines in Deutschland geborenen Tieres abgeschlachtet werden. Sind nun die Biobauern und -fleischer die Gehörnten? Der Vegetarierbund fordert: „Jetzt aussteigen!“

Berlin (taz) – Über 5.000 Rinder wollen die Landwirtschaftsminister von Bund und Ländern notschlachten lassen. Grund: der fünfte Fall von BSE in Deutschland bei einem Galloway-Rind auf einem Hof bei Höxter. Das vierjährige Tier war der erste in Deutschland geborene Wiederkäuer, der an BSE zugrunde ging. Betroffen sind alle Rinder, die direkt aus Großbritannien und der Schweiz nach Deutschland importiert wurden. Die erste Nachwuchs-Generation wird vorerst verschont. Das wären noch einmal 7.000 britische Nachkommen und gut 19.000 Schweizer Abkömmlinge gewesen. Für die Notschlachtung werde eine Eilverordnung des Bundes erlassen, meinte gestern der Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, Feiter.

Die betroffenen Landwirte und Hobbyzüchter sollen eine Entschädigung von 2.000 Mark pro Rind erhalten. Der Bauernverband forderte ebenso wie Borchert einen einheitlichen EU-Rinderpaß und hält die zwei Mille immer noch für ein Verlustgeschäft. Schließlich seien die betroffenen Rinder meist Zuchttiere mit Preisen zwischen 6.000 und 10.000 Mark.

Mit den Maßnahmen soll die Verunsicherung der Verbraucher ausgeschlossen werden. Verunsichert sind nicht nur sie, sondern vor allem die Experten: Wie die Tiere mit BSE infiziert wurden, ist unklar. Ebenso ist nicht mit letzter Sicherheit geklärt, ob die Kälber die Krankheit von ihren Müttern aufgenommen haben – und wenn, ob mit der Milch oder über den Mutterkuchen. Wie sich die Gehirnkrankheit durch die Generationen fortpflanzt, zeigt sich ohnehin erst in einigen Jahren. Dann treten in der dritten Generation BSE-Fälle auf – oder hoffentlich nicht.

Für Biobauern und Biofleischer dürfte das eine geringe Rolle spielen. Sie profitierten bisher eher von BSE und konnten etwas mehr von ihrem reichlich vorhandenen Rindfleisch als Bio verkaufen – samt den etwas höheren Preisen. Denn in Großbritannien erkrankten Hunderttausende von intensiv gefütterten Milchkühen am Rinderwahnsinn, Bioviecher blieben dagegen fast völlig verschont.

Nun droht den naturnahen Landwirten die Sippenhaft. Für die Verbraucher ist die Unschuld des Fleisches von den Biohöfen dahin, wenn auch die Kälber von britischen Rindern betroffen sind. Dabei betreiben die meisten Biobauern Ackerbau und Milchviehzucht. Dafür scheiden die drei bisher in Deutschland von BSE betroffenen Rassen aus: Herford, Galloway und Welsh Black. Das sind Rinder, die fast ausschließlich als lebende Rasenmäher gehalten werden. Sie leben das ganze Jahr auf der Weide und werden nicht gemolken, weil sie gerade genug Milch für ihre Kälber geben. Ihr Fleisch darf nicht mehr unters Volk gebracht werden.

Für die konventionellen Bauern ist der Schaden der Biobauern kein Vorteil. Auch für die gilt: BSE ist BSE, Fleisch ist Fleisch. Triumphieren können allein die Vegetarier. Der Vegetarierbund empfahl gestern in einer Presseerklärung: „Jetzt aussteigen!“ Die Rinderwahnfälle und die ersten Fälle von Hühnerwahnsinn in England unterstrichen erneut, daß die Fleischproduktion mit unkalkulierbaren Risiken verbunden sei. Bei einer Befragung des Marktforschungsinstituts Nielsen antworteten etwa zwei Drittel auf die Frage „Was fällt Ihnen alles im Zusammenhang mit dem Wort Fleisch ein“: „Fleischskandale aller Art.“ rem

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