Die glückliche Familie

Andenkenverkäufer sind lästiger als Moskitos. Für die gibt es noch kein Spray. Ansonsten ist die Urlaubsstimmung ungetrübt. Das Meer ist eine ölige Lache. Vereinzelt jaulen Dampfer. Nur auf Ansichtskarten unterscheidet sich das Panorama von einem Industriegebiet

An einem Tisch des preiswerten Lokals – schließlich sind wir keine Krösusse – sitzt das Paar mit Kind. Die Frau sagt: Wir sind eine glückliche Familie. Der Mann möchte gerne mitmachen. Das Kind hackt den Tisch in ein Dreieck. Der Tisch wackelt. Die Frau wischt drei Teller mit Pizza, drei Gläser mit Mineralwasser und einen Aschenbecher vom Tisch. Der Mann schaut die Frau an. Die Frau küßt den Mann. Das Kind schreit. Die Frau stößt den Tisch um. Das Kind kotzt auf die Scherben. Die Frau küsst den Mann. Der Mann uriniert auf das Erbrochene. Die Frau beißt dem Mann die Zunge ab und spuckt sie dem Kind ins Gesicht. Der Mann reißt ein Bein vom Tisch und bohrt es der Frau ins Ohr. Die Frau ist gepfählt und rammt das Tischbein in den Mund es Mannes. Das Kind übt Klimmzüge. Das Ohrloch der Frau reicht bis zur Schulter. Der Mund des Mannes steht bis zum Kehlkopf offen. Das Kind kann tolle Turnübungen machen. Die Umsitzenden applaudieren. Das Kind stolpert. Mann und Frau bücken sich gleichzeitig und das Tischbein geht beim einen Ohr rein und beim anderen raus und im Mund rein und am Hinterkopf raus. Das Kind kann soger schwimmen. Blut trägt besser als Wasser. Ein Glatzkopf fotografiert. Die Frau ist beleidigt. Wenn schon, dann Superacht, erbricht sie Blut in den zungenlosen Mund des gepfählten Mannes und reißt sich dabei den Kopf entzwei. Das Kind grabscht ein Auge aus der Höhle und ruft: Kaugummi! ehe das Auge glibberig im Mund zerplatscht und von den Mundwinkeln übers Kinn trieft. Der Mann gurgelt nur noch. Das Kind stochert im anderen Auge und hebelt es mit der Gabel raus. Der Mann stürzt über das Kind und das Kind stürzt in die Gabel.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartet ein Schwarm Andenkenverkäufer auf die Wiederherstellung der Ordnung.

Michaela Seul

Jahrgang 1962, lebt in München