Letzter Mohikaner der Haute Couture

Im Alter von 65 Jahren geht der bekannteste Pariser Modemacher, Yves Saint Laurent, in den Ruhestand

Auf einer Pressekonferenz gab gestern der bekannteste Pariser Modeschöpfer, Yves Saint Laurent, seinen Entschluss bekannt, mit 65 Jahren in den Ruhestand zu gehen. Er fühlt sich als letzter Mohikaner einer großen und zu Ende gehenden Epoche der Haute Couture.

Nach vierzig Jahren hat Yves Saint Laurent genug. Er ist nicht nur ganz einfach müde, sondern auch der Reibereien mit seinem Kapitaleigner, François Pinault, überdrüssig. Dass Sanofi-Beauté (die Parfüms und Kosmetika Yves Saint Laurents) und das Modehaus YSL im Jahr 1999 vom einstigen Holzhändler Pinault aufgekauft und mit Gucci zusammengelegt wurden, hat der Modeschöpfer nie wirklich verdaut. Dass zudem ausgerechnet der Texaner Tom Ford mit der Leitung des Prêt-à-porter beauftragt wurde, betrachtete Saint Laurent nicht nur als persönliche Beleidigung, sondern als einen Affront gegen die französische Kultur. Die Marke YSL und die Haute Couture überhaupt hatten bei diesen Transaktionen ein wenig ihre Seele verloren.

Nicht wenige trauerten gestern um die grosse Epoche der Pariser Mode, symbolisiert von den Namen Coco Chanel, Christian Dior und Yves Saint Laurent. „Die verlorenen Paradiese sind die schönsten“, sagte Yves Saint Laurent gestern zum Abschied.

In seiner Geburtsstadt Oran im damals französischen Algerien träumte Yves Henri Donat Mathieu Saint Laurent davon, dass eines Tages sein „Name in flammenden Lettern auf den Champs-Élysées erstrahlen würde“. Als er nach seinem Mittelschulabschluss mit 17 Jahren in die Stadt seiner Träume kam, musste er nicht lange auf die gute Fee warten. Bei einem Modezeichnerwettbewerb wurde er von einem Vogue-Redakteur entdeckt und Christian Dior, dem damaligen Zar der Pariser Modewelt, vorgestellt, der ihn sogleich als Assistent engagierte.

Als Dior 1957 starb, trat der erst 21-jährige YSL sein Erbe an. Die drei Initialen wurden im Verlauf seiner Karriere zum Inbegriff für Eleganz. Saint Laurent gehört zu Paris wie der Eiffelturm. Denn mit seinen Modeschöpfungen hat er das Stadtbild geprägt. Er hatte der Hose zu ihrem Platz in der Haute Couture verholfen, den berühmten Smoking geschaffen, in dem Claudia Schiffer und so viele andere Models und Mannequins auf dem Laufsteg posierten.

Zu Abschied schrieben mehrere Modespezialisten, YSL habe mehr als alle anderen Modeschöpfer die Kleidung der Frau „revolutioniert“. Die Zeitung Libération hat dazu auch eine Anekdote vom Mai 68 ausgegraben: Bei einer Straßenschlacht im Quartier Latin zerbeulten die demonstrierenden Studenten einen Rolls-Royce, der da wie eine Provokation des Kapitals am Boulevard Saint-Germain parkte. Die Luxuslimousine gehörte Saint Laurent, der nur kopfschüttelnd meinte: „Sie wissen bestimmt nicht, wer ich bin, um so zu handeln.“ Und die Pariser Zeitung fügt hinzu: „Ein Revolutionär war Saint Laurent mindestens ebenso sehr wie die jungen Leute vom Mai 68, denen zweifellos nicht bewusst war, dass die Art, wie sie angezogen waren, viel mit dem Stil Saint Laurents zu tun hatte, der weniger eine Kollektion von Kleidern als eine Geisteshaltung war.“

Seine Entwürfe und Modelle sind heute ein Teil des französischen Kulturerbes. Mit Saint Laurents Rückzug ins private Rentnerleben wird seine Mode museumsreif. RUDOLF BALMER