: Umdenken durch Katastrophen
Klimakonferenz in Delhi: Unter dem Eindruck von verheerenden Regenfällen und Dürren ändert sich Indiens Umweltpolitik. Statt Wachstum um jeden Preis jetzt Vorbeugung
NEU-DELHI taz ■ Die mehreren tausend Fahrradrikschas sind nicht die einzigen umweltfreundlichen Verkehrmittel der indischen Hauptstadt Delhi. Busse und Taxis sind erdgasbetrieben und auch die Autos fahren gemäß Euro-Abgasnormen. Die Teilnehmer der 8. Konferenz der Vertragsparteien der Klimakonvention, die seit Mittwoch in Delhi tagt, sehen nichts davon, dass die Stadt noch vor kurzem eine der am stärksten verseuchten Metropolen der Welt war.
Das hat sich geändert. Umweltgruppen und einige Mitglieder des obersten Gerichts haben dafür gesorgt, dass die Behörden ihre Pflicht taten, für saubere Luft zu sorgen, dass sie strengere Normen setzten – und diese auch durchsetzten. Dennoch erleben die Konferenzteilnehmer, wie gering das Umweltbewusstsein im Land noch ist. Die 14-Millionen-Stadt hat kein Massenverkehrsmittel. Der am Oberlauf fast saubere Jamuna-Fluss verlässt die Stadt als eine Kloake. Im Winter wärmen sich Millionen Menschen in den Slums an offenen Feuern. Deren Rauch wird sich mit den Abgasen der Kohlekraftwerke mischen und die Stadt manchmal wochenlang in eine Dunstglocke hüllen.
„Armut ist der größte Umweltverschmutzer“, lautete das berühmt-berüchtigte Schlagwort, das Premierministerin Indira Gandhi den Teilnehmern des UNO-Umweltgipfels von Stockholm 1972 an den Kopf warf. Sie begründete damit die langjährige Politik indischer Regierungen, Umweltschutz für Wirtschaftswachstum zu opfern. Zwanzig Jahre später lautet die ernüchternde Bilanz: Die Armut ist nicht bezwungen. Die Hälfte aller Armen der Welt leben weiterhin in den Ländern Südasiens. Viele von ihnen wohnen in den Slums der Städte, wo Armut das Leben ebenso verkürzt wie tödliche Krankheiten, die von verseuchtem Trinkwasser und dreckiger Luft verursacht werden.
Das Umdenken kam weniger durch die vielen kleinen Familientragödien als die großen Umweltkatastrophen. In den 90er-Jahren hatte das Land noch eine ununterbrochene Serie von guten Monsunperioden erlebt. Manche Kritiker behaupteten bereits, Indien werde vom Klimawandel wie dem El-Niño-Phänomen profitieren. Doch auf die guten Erntejahre folgten drei Jahre der Trockenheit. Die Hoffnungen waren rasch begraben.
In diesem Jahr nun erlebte der Subkontinent Wetter wie noch nie. Während im Osten ununterbrochene Regenfälle Millionen von Hektar bebauten Landes überfluteten, herrschte im Westen erneut eine Dürre. Die Sommerernte wurde durch Trockenheit und Hochwasser zum großen Teil zerstört.
Der Schock über diese beunruhigenden Wetterphänome steckt den Indern noch in den Knochen. Er wird auch das Verhalten des Gastgeberlandes in der Klimakonferenz beeinflussen. Statt wie bisher auf die Reduktion von Treibhausgasen zu setzen, will Indien nun besonders den Schutz vor den Folgen der globalen Erwärmung propagieren. So soll in Delhi unter anderem entschieden werden, wie der internationale Fonds zur Anpassung an den Klimawandel, etwa durch Deichbau, Gelder verteilen soll. „Der Klimawandel findet bereits statt, und es wird Jahrzehnte dauern, bis die Emissionskontrollen zu wirken beginnen“, sagt A. A. Rao, der Sprecher der indischen Delegation. „Bis wir so weit sind, gilt es, Anpassungen vorzunehmen, um uns für weitere katastrophale Folgen zu wappnen.“
Indien hat eine „Delhi-Deklaration“ ausgearbeitet, die das Ziel der nachhaltigen Entwicklung betont. Instrumente des Kioto-Protokolls wie der „Clean Development Mechanism“ (CDM) sollen nicht nur den Industrieländern zugute kommen, die sich damit weiterhin einen hohen Schadstoffausstoß erlauben können. CDMs sollten vermehrt für den Transfer von Technologie und Kapital genutzt werden, der es armen Ländern gestattet, mit den lokalen Folgen des globalen Problems Klimawandel fertigzuwerden.
BERNARD IMHASLY
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