Enorm zerrissen

Musik, die erhört werden will, statt zu umarmen: Das multinationale Trio Squall zerlegte Rock-Strukturen

In der Konzertflut des Novembers geht manch‘ interessante Show unter, wie die von Squall, ein Trio aus einem Iren, einem Kanadier und einem US-Kanadier, die in Prag leben und ihre Platten auf dem dort ansässigen Indie-Label „Silver Rocket“ veröffentlichen, dessen Produkte hier nur via Internet (reiche Quelle für Musik aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks: www.tamizdat.org) erhältlich sind. Oder auf ihren Shows – aber von denen man aber erstmal wissen.

Am Montagabend im Tower hatten sich immerhin rund dreißig Unentwegte eingefunden, von denen einige auch wegen der Lokalmatadore Mister Booster gekommen waren, die nach ihrem Bühnendebüt bei „Live in Bremen“ ihre zweite Show spielten.

Die neue Band aus „alten“ Bekannten (Sailing Ears, Messerknecht et al.) brachte gut gespielten Power-Pop mit ausgefeilten Satzgesängen. Manche Songs klangen wie späte, etwas rockigere Hüsker Dü, Klassiker wie die Ramones und The Who standen ebenfalls Pate.

„Squall“ – das Wörterbuch bietet als Übersetzung „Sturm“, „Gewitter“, „Schrei“ an – waren da schon deutlich spröder. Ihre Stücke haben eine Spannung, die nicht selten vergeblich auf ihre Auflösung wartet und ein wichtiger Faktor ihrer Musik ist.

Squall dehnen und beugen Zeit. Die Geschichte von zwei jungen Männern, die in eine Garage gehen, um sich zu erschießen, wird in bedrückender Zeitlupe erzählt, was sich eindrucksvoll in der Musik widerspiegelt: Das langsame Beschleunigen, beinahe unmerkliches Verlangsamen ihrer rumpelnden Grooves. Hier entfalten sie in den besten Momenten hypnotische Wirkung. Bisweilen verdichtet sich ihre Musik zu karger Schönheit, wie in dem (Fast-Pop-)Song „The Sea“.

Squall stehen in einer Tradition progressiven Hardcores, der seit Slint oder Bitch Magnet zu einem mehr oder minder ausdefinierten Subgenre geworden ist. Es geht immer noch um Songs und um „Rock“, dessen klassische Formen aber zusehends zertrümmert werden, um einer enormen Zerrissenheit Ausdruck zu verleihen.

Squall klingen in diesem Zusammenhang erfreulich eigensinnig. Ihre Musik umarmt nicht, sie will erhört werden, ist – im besten Sinne – anstrengend. Erst zu den Zugaben begannen Squall zu rocken, zogen eine eindrucksvolle Wand aus übersteuerten Gitarren, einem Bass, der Dub-Linien in den Lärm flicht, und enorm kraftvollem Schlagzeugspiel auf.

Andreas Schnell