Anti-Atom-Protest: Der Sinneswandel eines Schäfers

Eine geplante Kundgebung und ein Protest-Konzert von Jan Delay vor dem Atomkraftwerk Brunsbüttel müssen verlegt werden: Eine bereits zugesagte Wiese ist gesperrt worden. Vattenfall bestreitet Einflussnahme.

Die Wiesen ums AKW eignen sich für Atomtransporte, für weidende Schafe - aber nicht für ein Konzert. Bild: dpa

Es schien alles klar: Nach der Menschenkette für den Ausstieg aus der Atomenergie, die am 24. April auf 120 Kilometern die Atomkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel bei Geesthacht verbinden soll, sollten auf einer Wiese neben dem Dithmarscher Schrottreaktor noch eine Kundgebung und ein Fest stattfinden. Attraktion: Ein Auftritt des Hamburger Rappers Jan Delay. Doch nun sind die Zusagen zur Nutzung des Terrains zurückgezogen worden.

Die Vereinbarung zwischen dem Pächter, Umweltschützern und der IG Metall Unterelbe war per Handschlag besiegelt worden. Auf der Wiese direkt neben dem zurzeit defekten und stillgelegten Siedewasserreaktor, die der Schäfer als Weidefläche für seine Schafe von Vattenfall gepachtet hat, sollte noch ein politisches Happening stattfinden: Neben dem Protest-Konzert von Jan Delay hat sich auch eine Fallschirmspringer-Staffel aus Hohenlockstedt angesagt, die medienwirksam einen Formationssprung präsentieren möchte.

Doch nun zog der Schäfer die Zusage für das Terrain überraschend zurück. Eigentümer Vattenfall, gleichzeitig Betreiber des Atomkraftwerks, bestreitet, Einfluss genommen zu haben. "Die Weide ist nicht für die Nutzung derartiger Veranstaltungen geeignet", sagt Vattenfall-Sprecher Stefan Kleimeier. "Vattenfall hat aber keinen Druck auf den Pächter ausgeübt."

Es soll die größte Aktion für den Ausstieg aus der Atomenergie der vergangenen Jahre werden. Anlass sind der 24. Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl sowie die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfahlen am 9. Mai. Bei einer schwarz-gelben Mehrheit ist damit zu rechnen, dass die Bundesregierung die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert.

Eine Menschenkette auf 120 Kilometern wollen die Atomkraftgegner zwischen den Atommeilern Brunsbüttel und Krümmel in Geesthacht bilden, die sich um 14.30 Uhr schließen soll.

Künstleraufruf: In einem Aufruf unterstützen Künstler den Anti-Atom-Protest - darunter die Schauspieler Hannes Jaenicke und Wolfgang Völz, die Schriftsteller Günter Grass, Sten Nadolny und Tilman Spengler, die Kabarettisten Lisa Politt, Gunther Schmidt sowie Schmidt-Theater-Intendant Corny Littmann.

Örtliche Aktionen in Form von Polit-Theater oder Kundgebungen begleiten den Protest. So finden in Hamburg Aktionen an der Moorburg-Trasse und im Altonaer Gählerpark statt, durch den die Fernwärmeleitung des Kohlekraftwerks laufen soll, aber auch am Atomkraftwerk Brokdorf.

Protest auf der Straße: Inzwischen hat die Polizei die Menschenkette in Hamburg auf den Straßen zugelassen. Lediglich die Ost-West-Trasse ist tabu, dafür geht es durch Wohnstraßen.

Treck aus Gorleben: Die wendländischen Bauern werden sich mit einem Treckerkonvoi an der Aktion beteiligen und das Atomkraftwerk Krümmel ansteuern.

Der Veranstalter der Kundgebung, der Chef der IG Metall Unterelbe Uwe Zabel, wollte den Protest zwei Tage vor dem 24. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl daraufhin direkt vor den Eingang des Atomkraftwerkes auf die Otto Hahn-Straße verlegen. Doch in den Kooperationsgesprächen im Kreis Steinburg Ende vorige Woche deutete sich an, dass der Dithmarscher Landrat Jörn Klimant dagegen Sicherheitsbedenken anmeldet, da die Zufahrtwege für Rettungsfahrzeuge blockiert werden könnten. Er möchte den Anti-Atom-Protest am Liebsten weit weg vom Atommeiler auf die andere Seite des Nord-Ostsee-Kanals verlegen. "Das kommt für uns überhaupt nicht in Frage", sagt Zabel. Die Aktion unter dem Motto "Kettenreaktion" müsse in der Nähe des Kraftwerkes stattfinden, so Zabel. "Schon allein wegen des Symbolcharakters."

"Wenn der Pächter vor Vattenfall kuscht, ist dagegen wohl kaum etwas zu machen", sagt die Hamburger Verwaltungsrechtlerin Cornelia Ganten-Lange, die die IG Metall vertritt. Für öffentliches Gelände sei hingegen der Landrat zuständig - und da gelten die Kriterien des Versammlungsrechts. "Ein Gefahrenprognose muss begründet werden", sagt Ganten-Lange. Sowohl im Kreisen Steinburg, Pinneberg und Lauenburg als auch in Hamburg seien die Behörden bislang davon ausgegangen, "dass von dieser Versammlung keine Gefahr ausgeht", sagt die Juristin. Es sei kein Einzelfall, dass Verkehrsbehinderungen vorgeschoben würden, um das Demonstrationsrecht einzuschränken, wenn etwas anderes juristisch nicht durchsetzbar sei, sagt Ganten-Lange.

Inzwischen klingt es versöhnlicher aus der Kreisverwaltung in Heide. "Es ist noch keine Entscheidung gefallen", beteuerte am Montag der Sprecher des Landrates, Bernhard von Oberg. Für heute sind weitere Kooperationsgespräche zwischen IG Metall und der Versammlungsbehörde anberaumt. Gewerkschafts-Chef Zabel ist weiterhin zuversichtlich: "Wir werden auf jeden Fall direkt vor dem Atomkraftwerk Brunsbüttel demonstrieren."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben