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Anstinken gegendie Apokalypse

Generationen liegen zwischen ihnen. Der eine ist 26 Jahre jung, der andere 70 Jahre alt. Und dennoch haben sie viel gemeinsam. Sonst wären sie nicht bei Kontext. Ein Gespräch zweier Überzeugungstäter.

Von Josef-Otto Freudenreich und Minh Schredle↓

Schredle: Den Überlieferungen der Alten ist zu entnehmen, dass die Medien­branche einmal eine renommierte war. Heute gehört die Journaille zu den am meisten verachteten Berufsgruppen, wir sind noch unbeliebter als Banker. Wie konnte es so weit kommen?

Freudenreich: Fünf-Sterne-Hotel, Business­class, Scheckbuch – davon erzählen insbesondere MagazinkollegInnen heute noch mit glänzenden Augen. Heute ist eben Holzklasse. Das hat mit der schrecklichen Armut der Verleger zu tun, aber auch mit der Verwirrtheit des journalistischen Personals. Die Banker erfinden wenigstens neue toxische Papiere, Chefredakteure nur den 33. Newsletter. Und keiner weiß warum. Also könnte die Branche wieder auf einen grünen Zweig kommen, wenn sie nur ein bisschen erfinderischer wird?

Sagen wir’s mal so: Etwas mehr Kreativität könnte nicht schaden. Wenn ich, wie der SWMH-Geschäftsführer Wegner, auf Esoterikportale setze, mag das gut sein für das Wohlbefinden gestresster LeserInnen, eine Investition in ordentlichen Journalismus ist es nicht. Man möchte ihm das Standardwerk „ABC des Journalismus“ empfehlen.

Aber es ist doch auch ein Grundsatz­problem, dass eine anzeigenfinanzierte Geschäftsgrundlage stets vom Wohlwollen der werbenden Wirtschaft abhängt?

Jetzt wollte ich mal die geistige Fallhöhe etwas reduzieren, und schon kommt die politökonomische Keule. Klar gibt es diese Abhängigkeit. Wir haben in unseren ersten Berufsjahren den Satz von Paul Sethe gelernt: Die Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Der gilt heute mehr denn je.

Frei ist, wer reich ist – das ist auch ein ­Sethe. Es soll ja auch mal eine Zeit gegeben haben, in der sich als Journalist wenig­stens was verdienen ließ?

Okay, die sind dann so reich und so frei wie Amazongründer Jeff Bezos, die „Washington Post“ zu kaufen. JournalistInnen sind meistens weniger vermögend und suchen anderweitig nach Verdienstmöglichkeiten. Sie wechseln dann zur Deutschen Bahn, werden Sprecher von Oberbürgermeistern, Ministern oder Daimler. Es soll sogar welche geben, die in Baden-Württemberg zur CDU übergelaufen sind. Das war Risiko, wie wir im Lauf der Koalitionsverhandlungen gelernt haben, ist aber nochmals gutgegangen. Nach neuesten Erhebungen verdienen freie SchreiberInnen zwei Euro dreißig die Stunde.

Trotzdem gibt es ja noch viele KollegInnen, die ihre Arbeit mit einer Menge Idea­lis­mus betreiben, die man nicht verdächtigen muss, dass ihnen Daimler und Amazon jede Zeile diktieren, und die sogar von Zeit zu Zeit in auflagenstarken Medien zu Wort kommen. Wie kann das sein?

Ferngesteuerte Schreibstifte des Kapitals und der angeschlossenen Regierung? Das ist Quatsch. Natürlich gibt es noch viele KollegInnen, die einen guten Job machen. Nur werden die Spielräume immer enger. Nicht aus politischen, sondern aus ökonomischen Gründen. Nehmen wir die „Süddeutsche Zeitung“: Wenn hier 40 KollegInnen gehen (müssen), darunter auch hochdekorierte, sind das etwa zehn Prozent der Redaktion. Die Arbeit in Print und Digital nimmt aber nicht in gleichem Maße ab, im Gegenteil, sie wird mehr. Weil hier engagierte Leute zugange sind, werden sie versuchen, die Lücke zu schließen. Sie hatten auch das Glück, in Kurt Kister einen Chefredakteur zu haben, der ihnen den Rücken freigehalten hat. Von ihm stammt der schöne Satz: „Leider gibt es Verlagsmanager (und auch Chefredaktionen), die nicht nur an den Ästen sägen, sondern auch den Baum nur für einen dicken Ast halten.“

Kontext kommt da wie eine Art binnen­kapitalistische Chimäre daher: funktioniert ohne Werbung, weil genug Leute für etwas bezahlen, das andere umsonst haben können. Hättest du gedacht, dass das zehn Jahre lang gutgeht?

Im Leben nicht. Wir waren ja schon nach einem Jahr so gut wie tot. Die 200.000 Euro von Andreas Schairer, einem Enkel des Herausgebers der „Stuttgarter Zeitung“, waren vervespert. Aber sollten wir als Einjahresfliege enden? Unsere LeserInnen haben Nein gesagt und so viel gespendet, dass wir weitermachen konnten. So nach dem alten Spontispruch: Du hast keine Chance, aber nutze sie. Ein aufgeweckter Immobilienmensch hat uns sogar 86 Kilo Kleingeld vor die Tür gestellt. Es waren 10.000 Euro. So sind wir von Jahr zu Jahr getragen worden. Von unseren LeserInnen, ohne Werbung und ohne Verleger.

Kontext war ja nicht dein erster Versuch, Gegenöffentlichkeit mit aufzubauen.

Das erste Abenteuer war die „Karlsruher Rundschau“, die wir 1982 gegründet haben. Ausdrücklich gegen das schwarze, verschnarchte Monopolblatt, die „Badischen Neuesten Nachrichten“. Den revolutionären Eifer haben die frühmorgendlichen Fahrten nach Freiburg gebremst, wo wir gedruckt haben. Nach zwei Jahren waren wir pleite, obwohl wir Willy Brandt im Interview hatten. Den Schuldenberg von 170.000 Mark, den wir bei der „Badischen Zeitung“ angehäuft hatten, hat uns der Verleger erlassen – beim Abendessen in seiner Villa. Serviert hat ein weiß behandschuhter Butler. Das waren halt noch Kerle.

Da zeigt sich ein Verleger so gnädig – und trotzdem bekommt ihr Stand in Kontext dauernd was auf den Deckel. Womit haben sie das verdient?

Weil Leute wie der alte Hodeige von der Badischen noch Verleger waren. Der fand uns einfach gut, weil wir uns was getraut haben. Sowohl journalistisch als auch ökonomisch. Heute sitzen Manager an der Spitze von Verlagen, die auch bei Würth Schrauben verkaufen könnten. Hör sie an, wie sie reden, die Break-Even-Artisten, schau dir an, was sie aus ihren Blättern gemacht haben, wenn sie noch welche haben und nicht schon durch Auto-, Immo- und Datingportale ersetzt haben. Ein ganz großer Meister darin ist der Oberzampano von Axel Springer, Mathias Döpfner, der zugleich auch noch Verlegerpräsident ist.

Die Zeitung ist halt auch nur eine Ware, da gelten die gleichen ökonomischen Zwänge wie für eine Hose oder einen Knopf: Am Ende muss die Bilanz stimmen. Gibt es da überhaupt noch eine Alternative zur kosteneffizienten Nachrichtenproduktion, womöglich querfinanziert über die ein oder andere Spielwiese?

Irrtum. Die Zeitung ist keine Ware. Als die Alliierten ihre Lizenzen vergeben haben, hatten die Zeitungen den Auftrag, den Deutschen den Faschismus auszutreiben, also eine demokratische Funktion. Ich erinnere an die sogenannte Vierte Gewalt, die Kon­trolle von Legislative, Exekutive und Judikative, die von den Zeitungsherren auch noch gerne betont wird. In ihren Sonntagsreden. Die Wahrheit ist der Hosenknopf. Und deshalb muss dringend an anderen Modellen gearbeitet werden. Sei es an Stiftungen, an öffentlich-rechtlichen Lösungen oder eben an gemeinnützigen Projekten wie Kontext, die nicht profitgetrieben sind.

Die Klimakatastrophe eskaliert ungebremst, die Rechten feiern weltweit ein Comeback, Menschen ertrinken vor der Festung Europa, andere hungern, obwohl sie nicht müssten. Viele Krisen­herde, kaum Aussicht auf Besserung – trotz aller Mühen, über diese Miss­stände aufzuklären. Hast du einen Tipp für Frustrationstoleranz?

Brennende Gelassenheit. Das stimmt ja alles. Aber wenn du dir die Apo­kalypse Tag für Tag in die Bude holst, wirst du verrückt, zumindest depressiv. Dagegen habe ich immer angekämpft und dafür den Journalismus ausgesucht. Das Wort als Waffe, ich weiß, das klingt abgeschmackt, aber das ist es. Dass du dir dabei immer wieder Beulen holst, ist klar, aber was wäre, wenn du in die Grube fährst und dir sagen müsstest: Ich habe mich nicht dagegen gewehrt!

»Kontext: immer mit Herz und Verstand unterwegs, unabhängig und ohne Weichspüler. Kontext stellt in Baden-Württemberg das journa­listische Ausrufe­zeichen dar.«

Gudrun und Werner Schretzmeier

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