Anonyme Geständnisse auf PostSecret.com: Mein schmutziges Geheimnis

PostSecret ist einer der populärsten Blogs der Welt. Das Konzept: Leser schicken auf selbstgebastelten Postkarten Geheimnisse ein. Bis heute über 200.000.

Hübsches Bild, böses Geheimnis. Bild: screenshot postsecret.com

Jeden Sonntag aktualisiert Frank Warren seinen Blog. Die Seite ist einfach aufgebaut, ein pechschwarzer Hintergrund, keine Werbung, eine eingescannte Postkarte über der anderen. Eine Weile lang, als er besonders viel verzweifelte Post bekam, war der einzige Link auf der Seite die Telefonnummer einer Hilfshotline für Verzweifelte: 1800-SUICIDE.

Dabei begann alles ganz harmlos, als Warren im November 2004 ein Kunstprojekt startete. Er entwarf 3000 Karten, auf denen er Menschen dazu aufforderte, ihm anonym ihre tiefsten Geheimnisse zu schicken. Manche verteilte er auf der Straße, andere versteckte er heimlich in Büchern in Läden und Büchereien.

Etwa 100 Karten mit Geheimnissen kamen zurück. Warren stellte die Einsendungen in einer Galerie aus. Das war für ihn das Ende des Projekts. Doch jeden Tag landeten mehr Karten in seinem Briefkasten in Germantown im Staat Maryland. Bald bekam Warren Karten aus Gegenden, in denen er nie für sein Projekt geworben hatte. Bis heute sind es über 200.000.

Weil er nicht wusste wohin mit der Flut, startete er den Post-Secret-Blog. Texte, wie auf herkömmlichen Blogs, findet man hier jedoch keine. Nur die eingescannten Postkarten.

Längst nicht alle der Botschaften sind so beunruhigend, dass man um Hilfe für die Betroffenen hofft. Manche sind witzig ("Mein ganzes Leben lang wollte ich so aussehen wie Liz Taylor. Jetzt sieht sie langsam so aus wie ich."), andere nur banal ("Recycling interessiert mich nicht. Ich tue nur so als ob.") Wieder andere sind wirkliche Beichten, wenn sie denn stimmen: "Meinen Eltern habe ich gesagt es war eine Vergewaltigung, damit sie mir die Abtreibung bezahlen", hat jemand mit Filzstift über eine sonnige Postkartenszene geschrieben.

Der Erfolg der Seite ist überwältigend: Bei Technorati, der führenden Blogsuchmaschine ist PostSecret die Nummer 26 unter den Top100-Blogs. Bis heute verzeichnete sie fast 100 Millionen Klicks. In Deutschland, Frankreich und Spanien entstanden Ableger.

Bald griff der Verlag HarperCollins die Idee auf, und wollte die Geheimnisse in einem Buch herausgeben. Vier PostSecret-Bücher erschienen bis jetzt. Manche der Geheimnis-Karten waren dem Verlag allerdings zu heiß, und wurden wegen ihres sexuellen Inhalts nicht veröffentlicht. Auf Warrens Seite gelten solche Beschränkungen nicht.

Es könne sehr befreiend wirken, sagte Warren einem Onlinemagazin, ein Geheimnis auf diese Weise mit anderen zu teilen. Nicht nur für den Geheimnisträger selbst, auch für den Leser, der in einer der Postkarten sein eigenes Innenleben wieder erkennt.

Sind alle wahr? Einige sind erfunden, vermutet Warren, der inzwischen an Colleges im ganzen Land Vorträge über sein Projekt hält. Trotzdem können sie eine kathartische Wirkung auf Leser haben, findet er. "Vergib mir, Blog, ich habe gesündigt", spöttelte die New York Times in einem Artikel über die Webseite.

Die Motive der Sender sind unterschiedlich. Manche wollen nur schnell eine persönliche Erfahrung oder eine witzige Geschichte mit anderen teilen. Andere Postkarten sind sorgfältigst gestaltet und geben tiefen Einblick in jemandes Persönlichkeit ("Meine Akne beunruhigt mich mehr als die Scheidungsschlammschlacht meiner Eltern."). Manche sind Appelle oder Vorwürfe an verstorbene Familienmitglieder.

An manchen der Geheimnisse lässt sich beobachten, was in westlichen Gesellschaften heute nach wie vor Tabu ist - aber auch genauso, welche Dinge für so schlimm gehalten werden, dass man sie unbedingt geheim hält ("Wenn mein Mann nicht im Auto ist, höre ich mit meinen Kindern Punkmusik."). Dass diese "unterdrückten Wahrheiten" auf PostSecret ans Licht kommen und ein großes Echo hervorrufen, zeige, so Warren, das Potential von Blogs und virtuellen Communities, die eine neue Art der Kommunikation ermöglichen könnten.

Dass sich online neue Kommunikationswege erschließen, lässt sich zumindest hoffen. Ob jedoch schon die Veröffentlichung eines Geheimnisses ein Problem lösen kann, ist fraglich. Auf einer Postkarte stand neulich: "Ich habe meinen Eltern nicht erzählt, dass ich nicht mehr an Gott glaube und dass ich für Obama stimmen werde. Ich bin nicht sicher, was schlimmer für sie wäre."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de