Anke Richter : Neues aus Neuseeland: Fußballschmerzen
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Wer auch immer am Sonntag den Fifa-World-Cup 2026 gewinnt: Mein Favorit steht längst fest. Denn im Rugby-besessenen Neuseeland eine Fußball-Karriere anzustreben, beweist Resilienz und Demut. Der Mut zur Lücke, ohne ehrgeizige Ambitionen, muss angesichts dieser korrupten und vertrumpten Weltmeisterschaft endlich gewürdigt werden. Daher singe ich ein Loblied – oder genauer, eine virale Stadionhymne – auf einen Loser.
Bis zu diesem Jahr hielt Aotearoa einen einsamen Weltrekord: Seit 1982 hat das Land kein einziges World-Cup-Spiel verloren, weil unsere Nationalmannschaft All Whites sich nur ein Mal für die WM qualifizierte. Das was 2010, als sie mit drei Unentschieden in der Vorrunde rausflog. Der Status der ewig Ungeschlagenen kam den Kiwis jetzt jedoch abhanden, als sie gegen Belgien und Ägypten verloren.
Doch jenseits des Spielfeldes war ihr globaler Ruhm nicht zu bremsen – dank eines unscheinbaren Verteidigers der All Whites und eines umtriebigen Argentiniers namens Valen Scarsini. Der Content-Creator wandte sich kurz vor dem Start des World Cups an sein Publikum: „Wir alle wollen unsere Nationalmannschaften anfeuern. Aber was, wenn uns ein Spieler vereint – ein Fußballer, den wir unabhängig von seiner Nationalität unterstützen können?“
Ironisches Mitleid
Scarsini arbeitete sich für seine Mission durch alle Fifa-Spieler. In Gruppe G fand er, wen er suchte – den bis dato unbekanntesten Kicker der WM mit gerade mal 4.715 Social-Media-Anhängern: Tim Payne von den Wellington Phoenix. Perfekt für Scarsinis ironische Mitleidskampagne. Der Influencer rief seine über eine Million Fans auf Instagram und Tiktok auf, fortan Payne zu unterstützen.
Innerhalb von 24 Stunden hatte der unspektakuläre Kiwi rund 630.000 neue Follower und wurde über Nacht zum beliebtesten neuseeländischen Ballsportler. Damit überholte er nicht nur den Kapitän der All Whites, Chris Wood, sondern auch Rugby-Star Ardie Savea von den All Blacks. Phänomenal! Memes folgten, und es dauerte nicht lange, bis der kolumbianische Musiker Alejandro T eine fetzige Hymne namens „No Payne. No Gain“ komponierte. Die ging ebenfalls viral.
Tim Payne liegt jetzt bei fast 6 Millionen Instagram-Fans. Leider ließ sich dieser Erfolgsboom nicht aufs Spielfeld übertragen: Neuseeland ist mit Rang 85 im Fifa-Ranking das schlechteste Team der WM. Doch südamerikanische Fußballclubs standen dennoch für Payne Schlange, um ihn von den Wellington Phoenix abzuwerben. Im Juni bekam schließlich der paraguyanische Club Olympia den Zuschlag – für eine sechsstellige Ablösesumme, TikTok und Youtube sei Dank.
Der Transfer ans andere Ende der Welt hat für den gehypten Underdog auch familiäre Vorteile, denn seine Frau kommt aus Costa Rica. In seiner Heimat Wellington wird man den Helden nicht so schnell vergessen. Dort wird der Hit „No Payne. No Gain“ sogar im Rugby-Stadium geschmettert.
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