: Angehörige gesucht
Eine Ausstellung zeigt Gegenstände von NS-Opfern, die an ihre Familien zurückgegeben werden sollen
Joop Will hält ein beschriebenes Stück Papier in der Hand, schaut immer wieder auf die Zeilen und spricht dann in die Kamera: „Das ist der Brief von meinem Vater, den wir 70 Jahre nach seinem Tod bekommen haben. Jetzt wissen wir, dass er Abschied von uns genommen hat.“ Sein Vater Peter Will hatte in den Niederlanden im Widerstand gegen das NS-Regime gearbeitet, war 1943 gefangen genommen und ins Konzentrationslager Neuengamme eingeliefert worden. Während eines Transportes starb er.
Der Brief stammt aus der Effektenkammer des KZ Neuengamme bei Hamburg – Effekten ist ein altes Wort für Reisegepäck, es bezeichnete persönliche Gegenstände, die Gefangene im KZ abgeben mussten. Britische Truppen nahmen einem SS-Mann Kisten unter anderem mit Uhren und Ringen aus dieser Effektenkammer ab – sie landeten in den Arolsen Archives, dem weltweit größten Archiv zu den NS-Opfern im hessischen Bad Arolsen. In der Wanderausstellung „Stolen Memory“ präsentiert das Archiv einige dieser Effekten und damit verbundene Geschichten. „Wir versuchen so, Angehörige zu finden, damit wir ihnen Erinnerungsstücke zurückgeben können“, sagt die Historikerin Charlotte Meiwes.
In Videos erzählen Angehörige, welche Bedeutung diese Rückgabe für sie hat. Immer noch warten rund 2.000 in Bad Arolsen eingelagerte Gegenstände auf die Rückgabe an Nachfahren – wie im Fall der damals 20-Jährige russischen Zwangsarbeiterin Neonella Doboitschina. „Die meisten Hinterlassenschaften stammen von KZ-Häftlingen aus Polen. Deswegen gibt es auch Wanderausstellungen, die in Polen, Frankreich und der Ukraine unterwegs sind“, sagt Meiwes. In mühsamer Kleinarbeit konnten ehrenamtliche Spurensucher schon viele Angehörige finden. Das Eigentum der Häftlinge in Konzentrationslagern in Deutschland wurde in den Effektenkammern der KZ eingelagert, um sie im Falle der Entlassung zurückzugeben. In den Vernichtungslagern in Polen und Belarus sammelten die Täter den Besitz der Ermordeten gleich ein, um ihre Beute zu Geld zu machen.
Seit Kurzem sucht das Archiv aus Arolsen auch Angehörige von NS-Opfern, die in der Haftanstalt München-Stadelheim hingerichtet wurden – eine der zentralen NS-Hinrichtungsstätten. Das Staatsarchiv München hat in ihren Akten Abschiedsbriefe gefunden, die den Nachkommen übergeben werden sollen. Der polnische Landarbeiter Jan Stepniak kam 1941 in den Landkreis Kempten und ersetzte auf einem Hof den von der Wehrmacht eingezogenen Landwirt. Nach Konflikten mit der Bäuerin wurde er inhaftiert und 1942 vom Sondergericht beim Landgericht München zum Tode verurteilt. Der letzte Brief an seine Mutter beginnt mit dem Satz „In den ersten Worten meines Briefes teile ich Euch mit, dass ich heute um 5 Uhr nachmittags, am 2.11. den Kopf abgeschnitten bekommen werde.“ Joachim Göres
Zu sehen bis 9. 6. in Lüneburg und Bad Zwesten, danach in Hövelhof,13. 6. bis 7. 7.; Kempten, 10. 7. bis 2. 8.; Saarbrücken, 7. 8. bis 1. 9., und Stade, 4. 9. bis 29. 9. Mehr unter www.stolenmemory.org
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