: Anfeuerungen von Umstehenden sind nicht belegbar
Suizid Augenzeugen sollen im thüringischen Schmölln einen jungen Flüchtling aus Somalia, der sich in den Tod stürzen wollte, durch Zurufe zur Selbsttötung ermuntert haben. Doch es gibt trotz Befragungen keine belastbaren Zeugenaussagen dafür
taz | Durch einen Sprung aus dem fünften Stock eines Plattenbaus hat sich ein 17-jähriger unbegleiteter Flüchtling aus Somalia am Freitag im thüringischen Schmölln das Leben genommen. Bis zum Sonntagnachmittag kursierten Gerüchte, wonach der junge Mann von Anwohnern und Schaulustigen mit „Spring doch!“-Rufen zum Suizid ermuntert worden sein soll. Die Gerüchte konnten bislang nicht bestätigt werden.
Stefan Erbse, zuständiger Schichtleiter des Einsatzes, erklärte, seine Kollegen seien mehrere Stunden vor Ort gewesen. Er habe mit allen Verantwortlichen gesprochen. Niemand der Kollegen habe aber Rufe wie „Spring doch“ gehört. Schmöllns Bürgermeister Sven Schrade (SPD) hatte sich durch die Hinweise auf zynische Rufe derartig alarmiert gefühlt, dass er am Sonnabend zu einer spontanen Pressekonferenz eingeladen hatte. „So etwas kann man nur verurteilen“, sagte er und sprach von einem „unglaublichen Akt“.
Die Version, dass Anwohner zum Sprung aufforderten, wird von David Hirsch gestützt. Er ist Geschäftsführer des Meuselwitzer Bildungszentrums, das die Unterkunft betreibt. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung berief er sich auf Mitarbeiter. Schichtleiter Erbse sagte dem MDR, eine Frau sein von der Polizei vernommen worden. Sie habe von Äußerungen von Anwohnern berichtet, die sie als Aufforderung zum Suizid interpretiert habe. Den konkreten Ruf habe sie jedoch nicht bestätigt. Nach seiner Einschätzung seien Darstellungen falsch, wonach sich ein „fremdenfeindlicher Schmöllner Mob“ vor dem Plattenbau versammelt habe. Nach seinen Angaben sollen nun weitere Zeugen angehört werden.
Der junge Somali kam über Lybien, Italien und die Schweiz im April nach Deutschland, war offenbar traumatisiert und befand sich in psychischer Behandlung. Erst am Freitag war er aus einer Klinik in Stadtroda entlassen worden. Er kam in die Gemeinschaftsunterkunft, wo er gemeinsam mit zehn anderen Flüchtlingen lebte. Dort soll er nach seiner Entlassung randaliert haben.
Polizei und Feuerwehr wurden gerufen, als er bereits auf der Fensterbank saß. Ein eilig aufgespanntes Sprungtuch verfehlte der junge Mann offenbar bewusst. Er soll kurz darauf im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen sein.
Mindestens ein Beobachter soll die Szene auf seinem Handy mitgeschnitten haben. Daraufhin forderten ihn Polizeibeamte auf, das Video vor ihren Augen zu löschen. Bürgermeister Schrade berichtete, dass ihn Fotos des jungen Flüchtlings auf der Fensterbank sitzend erreichten, versehen mit „unbegreiflichen Kommentaren“.
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) twitterte sein Entsetzen, sollten die Vorwürfe der Rufe zutreffen. „Die Gier nach spektakulärem Geschehen lässt die Humanität auf der Strecke“, schrieb er. (mit epd) Michael Bartsch
Umverteilung gegen rechts
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen