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Andreas Rüttenauer Lebenslänglich Bayer: Acht Mass Tradition

Teuer ist es schon. Aber das war es immer schon auf der Wiesn. Voriges Jahr hat er acht Mass geschafft. Drunter hat er es eigentlich nie gemacht. 130 Euro inklusive Trinkgeld, so viel wird ihn die Gaudi kosten. Das sollte einem traditionsbewussten Oktoberfestbesucher ein schöner Rausch auf jeden Fall wert sein. Auch die 89,90 Euro, die er bei trachten.de für seine neue Lederhose Modell „Almbock“ gezahlt hat, waren für ihn eine beinahe schon alternativlose Investition. Ohne Tracht aufs Oktoberfest, das geht ja nun wirklich nicht. Da ist er traditionsbewusst.

In den achtziger Jahren, da ist er mit seinen Spezln noch in Jeans und T-Shirt auf die Wiesn gegangen, aber da hatten die Frauen ja auch noch keine Dirndl an. Die Leute wussten damals eben noch nicht, was echte Tradition ist. Heute ist das anders. Das findet er gut. Tradition gehört zu Bayern wie „Sweet Caroline“ ins Bierzelt. Das ist zwar mit ziemlicher Sicherheit nicht gespielt worden, als 1810 zum ersten Mal auf der Theresienwiese gefeiert wurde. Wenn aber das Stück damals schon komponiert gewesen wäre, die Leute hätten es gewiss mit ebensolcher Inbrunst gesungen wie der bayerische Ministerpräsident, der den Song für seine Fans eingesungen hat, da war er sich sicher.

Auch wenn ihm selbst nach acht Mass Bier üblicherweise nicht unbedingt der Sinn nach einem Bummel über die Schaustellerstraße auf dem Festgelände steht, so wusste er sich am traditionsreichen Teufelsrad Jahr um Jahr daran zu erfreuen, wie den Frauen die Dirndlröcke über die Hüften rutschen, wenn sie darauf das Gleichgewicht verloren. Er hatte zwar die Vermutung, dass er ebenso kuhäugig und geil unter die Röcke schaute wie die anderen Männer um ihm herum, aber weil er sich ja selbst nicht sehen konnte, hatte er beschlossen, dass ihm das nicht peinlich zu sein hatte. Außerdem war der Abstecher zum Teufelsrad eine lieb gewordene Tradition. Und Tradition ist schließlich das Wichtigste auf dem Oktoberfest.

Dass man die Frauenfiguren aus Pappmaché auf dem Fahrgeschäft nach einer Einlassung der Gleichstellungsstelle der Stadt München umlackiert hatte, auf dass sie nicht gar zu freizügig daherkommen, hatte er durchaus mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Da hatte ja nun wirklich niemand hingeschaut. Er hätte nicht sagen können, dass eine der vier Figuren eine schwarze Frau darstellte, deren barer Busen lediglich von einer Blumenkette verdeckt war, bevor darüber berichtet wurde.

Jetzt diskutierte die Stadt darüber, ob die Wiesn zu woke geworden sei. Mal schauen, ob aus dem Fass, das dieser neue grüne Oberbürgermeister am Samstag anzapfen wird, das Bier wirklich nur mit Tempo 30 in die Krüge fließt. Eines hatte er sich vorgenommen. Seine Trinkgeschwindigkeit würde er nicht anpassen. Und weniger trinken würde er schon gar nicht. Das wäre ja ganz gegen jede Tradition.

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