Anders bauen: Experimentieren mit dem Eigentum

Eigenbau Anders wohnen boomt in Berlin. Noch nie waren soviele Baugruppen in Planung wie derzeit. Und noch nie gab es auch soviele verschiedene Ansätze, wie man mit dem Besitz von Grund und Boden umgehen soll.

Bauen boomt Bild: ap

Michael LaFond träumt von einer Stadt der Baugemeinschaften. Wenn es nach dem Organisator der Experiment Days, der Messe für alternative Wohnkulturen, geht, lebten in Berlin in zwei Jahren 30.000 Menschen in Baugemeinschaften und Wohnprojekten. "Bis 2025", sagt LaFond, "könnten wir um die 3.000 Projekte haben mit bis zu 150.000 Menschen". Mehr als eine Stadt wie Potsdam oder Heidelberg Einwohner hat.

So unrealistisch sind seine Vorstellungen nicht. Allein in diesem Jahr sind mehr Baugemeinschaften in Planung als in den letzten Jahren realisiert wurden. Tendenz: steigend.

Baugruppen: In der Stadt wurden bereits mehr als 300 Wohnprojekte und mehr als 40 Baugemeinschaftspläne umgesetzt, in der Planung sind derzeit mehr als 50 Baugemeinschaftsvorhaben und mehr als 15 Wohnprojekte. Jedes Jahr bietet der Liegenschaftsfonds neun Grundstücke für eigentumsorientierte Baugruppen zu einem Festpreis an. Mietwohnprojekte haben allerdings meist große Schwierigkeiten, nötiges Eigenkapital aufzubringen, zumal die Förderung vom Land Berlin ausgelaufen ist, und geeignete Grundstücke zu finden. Eine Übersicht über alle Baugemeinschaften und Wohnprojekte bietet die Website

www.wohnportal-berlin.de.

Experimentdays: Um die vielen Formen gemeinsamen Wohnens umzusetzen, sind Netzwerke und Austausch von Erfahrungen zu alternativer Finanzierung und gemeinschaftlichem Bauen wichtig. Die Experimentdays bieten Veranstaltungen, Infostände und Diskussionsrunden an. Interessierte können so Kontakt knüpfen mit Bauaktiven und Erfahrenen, aber auch geeignete Projekte finden. Die Messe findet am 3. und 4. Oktober in den Uferhallen, Uferstraße 8-11 in Wedding statt

(www.experimentdays.de).

Die Palette der Projekte ist bunt: sie reicht von linksalternativen, selbstverwalteten Gemeinschaften aus Hausbesetzer-Zeiten über generationsübergreifendes Bauen und Wohnen bis hin zu Menschen mit einem guten Polster an Kapital, die sich zusammentun, um in erster Linie die Baukosten für ihre Eigentumswohnungen zu minimieren. Spannungen sind dabei vorprogrammiert, vor allem in Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Treptow-Köpenick. Zehn Projekte in zwei Jahren zählt LaFond auf, wo es Konflikte gab: Oft fühlen sich Linksaktivisten ihres Freiraums beraubt, wenn in direkter Nachbarschaft Eigentumswohnungen eine Baulücke füllen; Kiezbewahrer befürchten Gentrifizierung, wenn eine neue finanzkräftige Klientel ihr Viertel bewohnt. "Die Stadt ist bekannt dafür, Fronten aufzubauen", sagt LaFond.

Für manchen Linke sind Baugemeinschaften nur getarnte Haie, die nach Eigentum gieren. Für LaFond sind die Zusammenschlüsse nicht die Bösewichte: "Wenn wir Feinde für die Fehlentwicklungen suchen, dann sind das nicht die Baugemeinschaften, sondern Spekulanten und die Verwaltung, die nicht politisch steuern will." Denn es sei durchaus verständlich und ökonomisch sinnvoll, sein Erbe in Wohneigentum zu stecken als Altersvorsorge. Doch was ist mit denen, die darauf nicht bauen können? "Es ist eine schlimme Zeit für Menschen,", sagt LaFond, "die gemeinschaftlich wohnen wollen, aber wenig Geld und Kompetenz haben, sich in harten Verhandlungen mit der Verwaltung durchzusetzen."

Für Wohnen mit sozialverträglichen Mieten setzt sich zum Beispiel das Projekt "Spreefeld" ein: Die Architektin Angelika Drescher und ihre Kollegen von "Die Zusammenarbeiter" haben die Konflikte zwischen Linken und vermeintlich Reichen selbst erlebt - bei einer Baugemeinschaft in Treptow. "Wir waren als einzige zugänglich und haben den Hass abbekommen", sagt sie (taz berichtete). Jetzt haben sie ein neues Projekt gestartet, das, wie Drescher sagt, "nach vorne blickt". Man könnte es auch Annäherung der Fronten nennen.

Auf rund 7.000 Quadratmetern Freifläche am Spreeufer in der Köpenicker Straße soll ein Wohnprojekt entstehen, das ein Experimentierfeld für Eigentumsformen sein will - in Nachbarschaft zum umstrittenen geplanten "Mediaspree"-Projekt. Eine Stiftung, so ist es vorgesehen, kauft das Land vom Liegenschaftsfonds und gibt es in Erbpacht an eine Genossenschaft weiter. Dies sei "eine politischen Entscheidung, die wir vorwegnehmen", so Drescher. So sei eine Mischung aus Miet- und Wohnungserbbaunutzung, aber auch Gruppeneigentum möglich. Sowohl Baugruppen als auch Aktivisten, die "niemals bei einer Baugemeinschaft mitmachen würden", fühlten sich angesprochen, sagt Drescher. Und: "Bei den Experimentdays wollen wir für einen alternativen Umgang mit Grund und Boden werben. Und für eine Haltung, die mehr will als schön wohnen." Weniger Selbstverwirklichung des Einzelnen also, sondern gemeinsam Wohnraum organisieren und sinnvoll wirtschaften.

Das Sozial-partizipative ist auch für LaFond der wichtigste gemeinsame Aspekt aller Wohnprojekte. Letztlich sind sie seiner Meinung nach die beste Möglichkeit, zwischenmenschliche Kommunikation zu üben. Wer zusammen wohne, müsse auch miteinander klar kommen. In einer Stadt wie Berlin sei das der beste Ausgleich zu Entfremdung und Individualisierung - ob mit oder ohne viel Geld.

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