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Alke Wierth Die FußgängerinDas Schloss als ein Zeichen der Spaltung

Das Berliner Stadtschloss – auch Humboldt Forum genannt – ist ein Ort in der deutschen Hauptstadt, der mir eher wenig Freude bereit. Während der Debatte um den Wiederaufbau des Schlosses, als ich noch Redakteurin in der taz-Berlinredaktion war, gehörte ich zu den Geg­ne­r*in­nen dieser Idee – leider mit ebenso wenig Macht, Geld und Einfluss versehen wie alle anderen in diesem Lager. Auch mein Kompromissvorschlag, eine Seite des wieder aufgebauten Schlosses mit einer Glasfront zu versehen und die noch lebenden Hohenzollern, die damals um die Rückgabe einiger ihrer Schlösser kämpften, dort einziehen zu lassen, um so dem Fußvolk wenigstens so etwas wie eine „Sommerhaus der Royals“-Show zu bieten, fand außerhalb der taz wenig Anhänger*innen.

Doch bei einem Spaziergang durch Berlins sonnigen Herbst brachte mich das Schloss kürzlich richtig zum Lachen: Es bat mich nämlich mit großen Plakaten um Spenden! Bäume sollen gepflanzt werden an dem Palast – eigentlich eine gute Idee: Denn die bisher kahlen Flächen um das mächtige Gebäude bieten dem Fußvolk weder Schatten noch Wind- oder Regenschutz. Doch dass ich dafür bezahlen soll, finde ich absurd: Ich wollte das Mistding in der Mitte Berlins doch nie! Und denke heute manchmal: Mit dem Wiederaufbau des alten Preußenschlosses kam das politische Elend der heutigen Bundesrepublik in Fahrt.

In der Zeit zwischen dem Abriss des Palastes der Republik und dem Baubeginn des neuen alten Schlosses dort, also von 2009 bis 2012, war in der Mitte der deutschen Hauptstadt eine Wiese; ein Freiraum, dessen Nutzung allen offen stand: Jungen und Alten, Reichen und Armen, Rechten und Linken, Ber­li­ne­r*in­nen und Be­su­che­r*in­nen aus Deutschland und aller Welt. Man konnte dort flanieren oder einfach rumliegen, ein Bierchen trinken oder eine Wasserpfeife rauchen, ein gutes oder auch schlechtes Buch lesen, über Gott und die Welt nachdenken oder reden und dabei sogar mit zuvor fremden Menschen ins Gespräch kommen.

Und noch mehr: 2012, zum 775. Geburtstag Berlins, feierte die Hauptstadt dort mit der Open-Air-Ausstellung „Stadt der Vielfalt“ ihre jahrhundertelange Geschichte als Ort der Einwanderung und den Beitrag von Im­mi­gran­t*in­nen für die Stadt. Die Schlosswiese war ein Ort, der ein Wir möglich und erlebbar machte, das drei Jahre später Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ zugrunde lag.

Alke Wierth lebt in Berlin und spaziert durchs Leben

Gut ein Jahrzehnt später leben „wir“ in einer durch Spaltung beschädigten Gesellschaft, in der die Reichen und Herrschenden wie in monarchistischen Zeiten der Adel nicht mehr wissen oder nicht mehr wissen wollen, unter welchen Bedingungen diejenigen leben, die weniger haben. In einer Zeit, in der Im­mi­gran­t*in­nen auf Schlosswiesen oder anderswo im öffentlichen Raum nicht mehr nur das Stadtbild Rechtsextremer, sondern auch das des Bundeskanzlers stören und gesellschaftliche Spaltung in „echte“ und „Pass-Deutsche“ ebenso wie Remigrationspläne zu Wahlerfolgen führen. Wo übrigens auch die bequemen großen Sitzmöbel am Stadtschloss weggeräumt und gegen Stühle ausgetauscht wurden – weil, wie ich vermute, darauf oft Obdachlose übernachteten. Für sie bot die kahle Fläche um das Schloss nachts einen relativ sicheren, weil Sichtbarkeit bietenden Ort.

Die Schlosswiese war ein Ort, der ein Wir möglich und erlebbar machte

Nein, sosehr ich Stadtbäume auch schätze: Für Grün am Stadtschloss gebe ich keinen Cent. Rund 120 Millionen Euro haben Unternehmer, Bankiers und andere Angehörige des alten und neuen Adels für dessen Wiederaufbau gespendet, doch für etwas Schatten für das Fußvolk reicht ihr Geld offenbar nicht. Ich spare lieber für den Tag, an dem jemand sammelt, um das Schloss wieder abzureißen: Dann werde ich gerne für ein Stückchen Wiese und sogar für einen Baum darauf spenden.