Alina Schwermer Hin und weg: Wohin, wenn es so weit ist?
Winterzeit ist für mich Deutschlandzeit. Während ich einen Teil der Sommer in Apulien verbringe, kehre ich in der kalten Jahreszeit meist heim, voller widersprüchlicher Empfindungen. Es ist euphorisierend, Freund:innen wiederzusehen, die Kulturszene aufzusaugen, an einem Ort zu sein, den man perfekt versteht, ohne aufzufallen oder sich erklären zu müssen. Gleichzeitig erlebt man mit Blick von halb-außen die schlimmen Dinge klarer und den Niedergang drastischer: die immer martialischeren deutschen Grenzbeamt:innen, die Verelendung und Wohnungslosigkeit in den Städten, die horrenden Preise, die zunehmend vorsichtigen Gespräche mit Fremden, um ja kein polarisierendes Thema anzuschneiden. Jedes Mal, wenn ich wiederkomme, erschrecke ich. Sicher, es gibt die Phänomene auch anderswo, beim Heimatland tut es wohl einfach mehr weh.
Dieses Mal jedoch ist etwas anders. Die Debatten übers Auswandern sind konkreter geworden. Schon früher hat es Neugierde geweckt, dass ich ein kleines Ferienhaus mit Land in Italien habe. Schon früher gab es diese „Wenn die AfD an die Macht kommt, dann …“-Überlegungen. Aber angesichts von eskalierendem Faschismus, Kriegen, Klimakollaps sind die Fragen plötzlich konkret und ernst.
Freund:innen, Kolleg:innen, auch Fremde fragen mich, wie ich im Ausland dies oder jenes regele. Sie berichten von Überlegungen, Deutschland zu verlassen. Ob man geht oder Widerstand leistet. Andere ziehen in Betracht, sich ein Stück Land zuzulegen, für den Kriegsfall. Eine Freundin überlegt, ob sie im Zweifel weiß genug aussieht, um Deportationen zu entgehen. Das Spielerische ist weg. Und obwohl Italien wahrlich keine faschismusfreie Alternative ist, obwohl das Mittelmeer im Klimakollaps vielleicht nicht die klügste Wahl war, bin ich unendlich dankbar für ein abgelegenes Stück Land, wo wohl keine Bomben fallen, man sich selbst versorgen kann, nicht vom Vermieter abhängt. Krasse Zeiten.
Im Ausland treffe ich die, die einen Schritt weiter sind. Als Deutsche übt man dort auf kaum etwas so viel Anziehungskraft aus wie auf andere Deutsche. Wenn ich frage, warum sie ausgewandert sind oder es vorhaben, höre ich auch hier oft: „Es wird ja immer schlimmer in Deutschland.“ Ich nicke dann, aber was genau das Gegenüber meint, das variiert gewaltig: Die Steuern, die politische Korrektheit, die AfD, die Ausländer, die Arztleistungen – als lebten sie in anderen Deutschlands.
Alina Schwermer schreibt alle vier Wochen übers Gehen, Bleiben und Reisebegegnungen.
Dann möchten die Deutschen sich verabreden und mit wissendem Lächeln über „die Italiener“ auslassen. Denn in Deutschland mag zwar alles immer schlimmer werden. Aber natürlich ist es dort am besten.
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