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Sportliche ZumutungenEinfach weggelächelt

Schon wieder verabschiedet sich das Knie beim Joggen. Als Nächstes dann Tai-Chi oder das gelenkschonende Pickleball? Es gibt Schlimmeres!

Tai-Chi? Ein Sport für Ältere? Foto: Serdar Alakuş/Anadolu Agency/imago

A m Mittag des Weihnachtstages laufe ich in einem idyllischen Städtchen in Baden-Württemberg um sattgrüne Wiesen herum. Wie es in den letzten Monaten immer wieder passiert war, hat sich mein Knie plötzlich und völlig unvermittelt verabschiedet – vielleicht, weil ich am Vorabend ein Essen maßlos hinuntergewürgt habe. An Laufen ist nicht mehr zu denken. Selbst die Kniebandage, die ich über die Kinesio-Tapes gezogen habe, hilft nicht mehr. Trotzdem versuche ich es weiter. Während ich mich auf dem Heimweg missmutig und unter Schmerzen zumindest zu schnellem Gehen überrede, fluche ich über mein Schicksal und denke darüber nach, welcher Sport mir eigentlich noch bleibt.

Seit einiger Zeit zeigt mir mein Internet-Algorithmus – als kenne er mein Körperalter – Werbevideos: Eine vollständig KI-generierte junge Frau informiert sich für ihren über sechzigjährigen Vater bei einem ebenso künstlichen Tai-Chi-Meister, wie der Vater körperlich fit bleiben könne. Vielleicht ist Tai-Chi ja tatsächlich der Sport fürs neue Jahr.

Während ich unter Schmerzen laufe, denke ich an den jungen Mann, den ich zwei Abende zuvor bei einem Essen kennengelernt habe und der gerade eine Meniskusoperation hinter sich hat. Einen Monat später konnte er zum ersten Mal wieder ohne Krücken gehen und sich mühsam die Treppe hinaufschleppen. Das Bein hatte stark an Kraft verloren – die altbekannte Geschichte. Wir sind eben nicht alle Đoković, der sich einer Meniskus-OP unterzieht und drei Wochen später im Halbfinale von Wimbledon steht. Nicht jeder hat Zugang zu Behandlungen wie einer hyperbaren Sauerstofftherapie. Wir bekommen stattdessen ein Stück Papier mit verschiedenen Übungen, die wir zu Hause machen können.

Alte-Leute-Sportarten

Beim selben Essen sagt ein anderer, der ebenfalls von Verletzungen geplagt ist, er wolle mit Golf anfangen. Ein weiterer, der kürzlich in die USA gereist ist, kann gar nicht aufhören, von den Vorzügen des Pickleballs zu schwärmen. Ich bin wohl nicht der Einzige, der mit Alte-Leute-Sportarten zu liebäugeln beginnt.

Ohne das rechte Bein zu beugen und mein gesamtes Gewicht auf das linke Bein verlagernd, beschleunige ich meine Schritte. Wie so oft in solchen Momenten beginne ich, mich ungerechtfertigt über die sorglosen, gesunden Menschen um mich herum zu ärgern. Sie scheinen wie Gazellen an mir vorbeizurennen. Ich werfe ihnen böse Blicke zu. Da kommt mir die Frage in den Sinn, die der italienische Fußballer Mario Balotelli nach einem Tor einmal auf einem T-Shirt unter seinem Trikot trug: „Why always me?“ 2025 habe ich mit einer Fingeroperation, vielen Stunden Physiotherapie und einem fortgeschrittenen Meniskusriss abgeschlossen.

Passenderweise singt mir dann Leonard Cohens tiefe Stimme über Kopfhörer ins Ohr: „Everybody knows that the boat is leaking.“ Dann geschieht etwas. Während die Wintersonne mit voller Kraft auf den taufeuchten Wiesen und den Hügeln in alle Richtungen strahlt, nähert sich auf dem kleinen Weg, auf dem ich meine Füße schleife, eine Silhouette. Als sie auf meiner Höhe ist, erkenne ich, dass es eine sehr alte Frau ist, die ihren Rollator schiebt und über eine Nasensonde Sauerstoff bekommt. Ihr Gesicht aber begrüßt mich mit einem riesigen Lächeln, so hell wie die Sonne. Angesteckt von ihrer Freude, höre ich auf zu schmollen. Ich beginne, eine Neujahrsliste zu machen:

Höre auf zu jammern.

Höre auf zu rauchen.

Höre auf, diese pathetischen Kolumnen zu schreiben.

Höre auf deinen Körper.

Vereinbare ein paar Arzttermine.

Frage bei der Arbeit nach, ob es einen Urban-Sports-Rabatt gibt.

Akzeptiere, dass das für 42 Millionen Euro sanierte Schwimmbad am Spreewaldplatz niemals öffnen wird.

Yoga?:(

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