800 entflohene Häftlinge von Kandahar: Karsai droht den Taliban in Pakistan

Nach der Gefangenenbefreiung in Kandahar verteidigt der afghanische Präsident Angriffe auf Aufständische im Nachbarland. Die Suche nach den Entkommenen geht weiter.

An Straßensperren und von Haus zu Haus suchen Armee-, Polizei- und Geheimdiensteinheiten die Flüchtigen. Bild: ap

Mit einer gut geplanten Operation haben die Taliban am Freitag 800 Häftlinge aus einem Gefängnis in ihrer früheren Hauptstadt in Afghanistan, Kandahar, befreit. Darunter waren viele Gesinnungsgenossen. Damit zeigten sie der internationalen Gemeinschaft nur zwei Tage nach der Pariser Afghanistan-Konferenz, die etwa 20 Milliarden Dollar an neuen und erneuerten Hilfszusagen erbrachte, wie schwach und zum Teil hilflos die einheimischen Sicherheitskräfte weiterhin sind.

Fast zwei Tonnen Sprengstoff waren Freitagabend nach Einbruch der Dunkelheit in einem Tanklastwagen explodiert, den ein Selbstmordkommando vor das örtliche Sarposa-Gefängnis gefahren hatte. Dabei wurde ein großes Loch in die Lehmziegelmauer um den 60 Jahre alten Bau am westlichen Stadtrand von Kandahar gerissen. Gleichzeitig attackierten vermummte Taliban auf Motorrädern mit Panzerfäusten und Kalaschnikows die Wache am Haupttor.

Nach 20-minütigem Gefecht konnten sie viele Zellen öffnen, wobei sie sich auf den Trakt mit jenen Gefangenen konzentrierten, die wegen Taliban-Verbindungen einsaßen. Bald war das Gefängnis fast leer, denn ein weiterer Selbstmordbomber hatte mittlerweile auch das rückwärtige Tor aufgesprengt, wo Busse mit laufenden Motoren die Flüchtenden erwarteten.

Einer der Ausbrecher, der sich telefonisch bei einer kanadischen Nachrichtenagentur meldete, gab an, er habe von der Aktion im Voraus nichts gewusst. Nachdem er sich vom Schock der Explosion erholt habe, sei er Rufen der Angreifer folgend zu den Bussen gerannt. In Kandahar wurde inzwischen der Ausnahmezustand verhängt. An Straßensperren und von Haus zu Haus suchen Armee-, Polizei- und Geheimdiensteinheiten die Flüchtigen.

Laut offiziellen afghanischen Angaben sollen 20 Taliban gefasst oder getötet worden sein. Aber es ist unklar, ob es sich dabei um Ausbrecher handelt. Viele haben sich in Nachbarviertel abgesetzt, die von den Taliban kontrolliert werden.

Ein Taliban-Sprecher äußerte sich erwartungsgemäß triumphierend: Die Aktion, Teil der im Frühjahr ausgerufenen Operation Ebrat (Lektion), sei "ein Signal an die Marionettenregierung von Hamid Karsai und die ungläubigen Regierungen des Westens".

Der afghanische Präsident äußerte sich nicht direkt zu dem Vorfall. Am Sonntag erklärte Karsai jedoch vor der Presse, sein Land könnte Truppen über die Grenze nach Pakistan senden und dortige Taliban-Basen angreifen. Vizejustizminister Qasem Hashimzai sprach von einer "beispiellosen Attacke". Präsidentenbruder Ahmad Wali Karsai, der Vorsitzende des Provinzrates von Kandahar, gab zu, der Massenausbruch sei "sehr gefährlich für die Sicherheitssituation". Der Nato-Sprecher in Kabul sprach von "einem sehr erfolgreichen Zug der Taliban", meinte aber auch, man solle dessen Wirkung nicht überbewerten. Auch für Kanada, das 2.500 Soldaten in Kandahar stationiert hat, ist der Angriff ein Rückschlag.

Das Sarposa-Gefängnis ist mit 1,5 Millionen Dollar für Renovierung und Personalausbildung Ottawas Vorzeigeprojekt im afghanischen Justizsektor. Noch nicht zu Wort gemeldet hat sich Kandahars Gouverneur Assadullah Khaled. Kanadas damaliger Außenminister Maxime Bernier hatte im April öffentlich dessen Rücktritt gefordert. Warum, stand nur in der kanadischen Presse: der enge US-Verbündete sei ein Folterer, betreibe nicht nur legitime Geschäfte und sei ein "Roboter" eines der Präsidentenbrüder.

Im Mai hatten 400 Gefangene im Sarposa-Gefängnis gemeutert, begleitet von Demonstrationen von Angehörigen. Viele von ihnen behaupteten, durch Folter zu dem Geständnis erpresst worden zu sein, mit den Taliban zu kooperieren. Untersuchungen des Parlaments und von verschiedenen Menschenrechtsgruppen bestätigten die Vorwürfe und brachte brutalste Haftbedingungen zutage, genannt wurden sexuelle Übergriffe, die Verwendung abgerichteter Hunde sowie mangelnder Rechtsbeistand. Insofern dürften viele Kandahari die jüngste Taliban-Aktion sogar begrüßen.

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