2. Bundesliga: Küsschen unter kickenden Kollegen

Eine Männerfreundschaft steht im Mittelpunkt beim ersten offiziellen Ligaspiel seit 71 Jahren - zwischen den Rheinrivalen aus Wiesbaden und Mainz.

Tor-Gerangel in der Arena in Wiesbaden. Bild: dpa

WIESBADEN taz Bei der Platzwahl wunderte sich Schiedsrichter Knut Kircher ein bisschen, denn die beiden Kapitäne von Wehen Wiesbaden und Mainz 05 beließen es nicht beim Händedruck, sondern gaben sich Küsschen links und Küsschen rechts. "Wir haben uns so auf das Spiel gefreut, das musste einfach sein", erklärten beide hinterher.

Da standen sie Seite an Seite, Sandro Schwarz und Marco Rose, und gaben einträchtig Interviews. Schwarz im verschwitzten, auf links gedrehten Trikot von Rose, Rose im Trikot von Schwarz. Schwarz über Rose, Rose über Schwarz, wir über uns. Es ging allerdings nicht wirklich um Fußball. Der Mainzer erzählte dem Südwestrundfunk, dass "Sandro der Ordentlichere ist", und der Wehener erzählte im Hessischen Fernsehen, "dass der Marco wie ein Bruder" für ihn sei. Und sie sehen sich auch sehr ähnlich mit ihren dunklen Haaren, schmalen Gesichtern, Dreitagebärten. Beide 1,87 Meter groß, Rose 83 Kilo schwer, Schwarz 84.

Die beiden Fußballprofis gaben ihre Version der WDR-Sendung "Zimmer frei" zum Besten, denn sie sind WG-Partner, und das Spiel in der zweiten Liga war ihr erstes berufliches Aufeinandertreffen. "Es war etwas ganz Besonderes", sagte Rose (31), für den der Fußballnachmittag der Erfreulichere war. Nach seinem Mittelfußbruch war er erstmals wieder im Einsatz, er spielte einen souveränen Part auf der linken Abwehrseite, und seine Mainzer gewannen unerwartet leicht mit 3:1.

Freund Schwarz (29), der eigentlich Mainzer ist und von 1995 bis 2004 das Trikot der 05er getragen hatte, musste eingestehen, dass seinen Wiesbadenern im ersten "richtigen" Heimspiel der Mut zur Offensive gefehlt hatte. Der Kapitän gab im Mittelfeld zwar den Antreiber, doch seine Kollegen kamen nicht so recht in Tritt. "Das 0:1 spielte den Mainzern in die Karten", meinte er, denn der Freistoß von Vrancic saß schon nach 14 Minuten.

Danach konnte man den Gästen höchstens den Vorwurf machen, nicht energisch genug das zweite Tor gesucht zu haben. Die Wiesbadener dagegen waren in der engen Arena noch nicht zu Hause angekommen. Nach vier Gastheimspielen in der Frankfurter Commerzbank-Arena, wo der ehemalige Dorfklub seine bisherigen Heimspiele mit drei Siegen und einem Unentschieden vor jeweils rund 5.000 Zuschauern feierte, spielte er gegen den Rivalen von der anderen Rheinseite vor Rekordkulisse.

Die 12.566 Erwartungsfrohen im rappelvollen, aus Stahlrohr und Containern errichteten Bausatz-Stadion machten den Emporkömmlingen offenbar Angst. In der hessischen Landeshauptstadt hat man lange auf das Debüt des zugewanderten Vereins hingefiebert. Dass das erste offizielle Spiel ausgerechnet gegen den "Karnevalsverein" aus der Nachbarstadt gehen sollte, war eine nette Anekdote des Terminplans und sorgte für gut 30.000 Kartenanfragen. Zuletzt hatten sich Wiesbadener und Mainzer 1936 in einem Ligaspiel gegenübergestanden. Damals trennten sich SV Wiesbaden und der FSV Mainz in der Bezirksliga mit 2:2.

Für Sandro Schwarz und Marco Rose war der Termin schon seit über einem Jahr Thema. Als Schwarz mit Wehen dem Aufstieg in der Regionalliga entgegenstrebte und Rose mit Mainz im Bundesliga-Abstiegskampf steckte, fingen die beiden Freunde an, sich mit dem WG-Derby zu beschäftigen. Sie haben das Match zigfach durchgespielt. Mal an der Dartscheibe im Wohnzimmer, mal auf der Mini-Tischtennisplatte. "Meistens gewann Sandro", sagt Marco Rose mit Gönnermiene.

Sandro Schwarz haderte derweil mit dem Fußballschicksal. Vor dem 0:2 bekam er den Ball nicht weg, glaubte sich dabei aber von Pekovic gefoult, Subotic traf unbeeindruckt (51.). Als dann Atem mit einem satten Fernschuss den Anschlusstreffer erzielt hatte (75.), keimte für knapp 60 Sekunden Hoffnung auf. Dann ließ Torwart Richter den Ball nach einer harmlosen Flanke fallen. Borja stand zufällig daneben und kickte die Kugel ins Netz. 1:3 - die Entscheidung (76.).

Für den Hausfrieden hatten sich die WG-Kapitäne, die sich auf dem Platz praktisch nie in die Quere kamen, eigentlich auf Unentschieden geeinigt, doch "ich glaube nicht, dass ich jetzt Aufbauarbeit" leisten muss, sagte der Sieger. Nach dem Schlusspfiff dauerte es 48 Sekunden, bis Marco und Sandro zueinander fanden. Shakehands, Umarmung und Trikottausch. Dass jeder das Shirt des anderen auch aus dem Kleiderschrank hätte ziehen können, zählte nicht. Es musste das Original-WG-Derbyhemd sein. Am Abend nach dem Spiel sind die Kumpels dann gemeinsam mit ihren Familien essen gegangen. "Der Sieger zahlt", hatten sie vorher schon ausgemacht.

ACHIM DREIS

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