piwik no script img

Le Monde diplomatique zum neuen Atlas Der Weg zum Titel

Der neue „Atlas der Globalisierung“ ist fertig – und hier erzählen wir, wie er zur Welt kam. Als taz-Unterstützer*innen können Sie den Atlas noch bis Ende Juli günstiger erwerben.

Aus der taz | Sie kennen das ja, irgendwann, wenn etwas wächst und gedeiht, muss man sich, bevor das Kind zur Welt kommt, überlegen, wie es heißen soll.

Als wir vor gut anderthalb Jahren mit der Arbeit an einem neuen Atlas der Globalisierung begannen, war das noch kein Thema. Da legten wir erst mal nur fest, dass es diesmal mehr Grafikseiten geben soll.

Dann begannen wir Texte zu sammeln, die zu den Großthemen unserer Zeit etwas zu sagen haben, also zu Klima, Krieg, Migration, zu Wirtschaft oder zur Krise der Demokratie. Krise war übrigens tabu für einen Titel, denn Krise ist eigentlich immer. Mit dem Titel eilte es da aber auch noch nicht.

Kritik aushalten

Auf der Hälfte der Strecke wurde es dann ernst. Die Marketingabteilung wollte mit der Werbung loslegen und brauchte Futter. Für einen ersten Aufschlag machte ich mir eine Liste und schmiss auch mal die KI an. Die spuckte dann solche Sachen aus wie: Welt am Abgrund, Welt im Chaos, Welt in Unordnung, Welt unter Spannung, Eine neue Welt.

Das war nicht wirklich falsch, aber auch nicht gerade prickelnd. Die Ablehnung im Kol­le­g:in­nen­kreis war einhellig: Das klang entweder zu alarmistisch oder viel zu allgemein.

In der nächsten Runde lag „Entsicherte Welt“ auf dem Tisch. Das traf zwar ganz gut die Lage angesichts einer Vielzahl von Kriegen, fand allerdings keine Mehrheit, da die binäre Logik des gesichert/entsichert den Blick doch stark aufs Waffentechnische lenkt und der Komplexität der Lage nicht ganz gerecht zu werden drohte.

Als ich eines Morgens mit „Verrückte Welt“ in die Redaktion kam, war ich frohen Mutes, denn bei Tests an mehreren Personen hatte er gut funktioniert. Die Begeisterung meiner Kol­le­g:in­nen allerdings hielt sich gelinde gesagt in Grenzen.

Auch die Sammlung weiterer positiver Stimmen konnte sie nicht überzeugen. Er war ihnen schlicht zu harmlos. Enttäuscht war ich schon, aber beleidigt sein war keine Option.

Das entscheidende Küchengespräch

Wie ich überhaupt sagen muss, dass man sich eine bessere Diskussionskultur als in der Redaktion von Le Monde diplomatique Berlin kaum wünschen kann.

In den Sitzungen zu den Überschriften der einzelnen Texte wurden sowohl Vorschläge als auch Einwände gemacht, ohne dass jemand, wenn sie abgelehnt wurden, gleich einen Angriff auf seine berufliche Kompetenz sehen musste. Auch sah sich niemand gezwungen, die „Leichenkarte“ zu ziehen, wie ein Veto (Nur über meine Leiche) hier genannt wird.

Dieses an der Sache orientierte Arbeitsklima machte es am Ende auch ganz einfach – als nämlich nach einem „Küchengespräch“ am Ende unseres Flures ein neuer Vorschlag auftauchte: „Welt als Beute“. Das klang gut.

So gut, dass es am folgenden Tag eigentlich schon entschieden war. Dieser Titel hat etwas Sinnliches und trifft zugleich auf so viele Weisen unseren Umgang mit der Welt: Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine wie Trumps Ansprüche auf Grönland, die exzessive Plünderung unserer Ressourcen wie die touristische Eroberung der Erde.

Wie ein Magnet verbindet er die antifeministische Offensive mit der obszönen Anhäufung von Reichtum. Und weil das alles in den Texten und Grafiken vorkommt, passt dieser Titel auf, wie wir finden, wunderbare Weise.

🐾 Der neue Atlas der Globalisierung „Welt als Beute“ erscheint am 1. September 2026. Noch bis zum 31. Juli 2026 können taz-Unterstützer:innen den Atlas zum Vorzugspreis von 20 Euro (statt 26 Euro) vorbestellen: monde-diplomatique.de/atlas