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Generation Z an die Waffen? Mein Vaterlands-Onkel

„Musst Du nicht auch bald zur Bundeswehr?“, fragt meine Mutter beim Familienfest meinen Cousin. Und dann geht es ab.

taz FUTURZWEI | Meine Oma wird 90. Manche Familien nutzen das entsprechende Fest, um sich gegenseitig zu fragen, wie es ihnen so geht. Oder singen zusammen, wie die Leute am Nebentisch, erzählen sich lustige Geschichten und lachen dann gemeinsam. Meine Familie nicht. Bei uns wird abgecheckt, wer wann wo und für wie lange in Urlaub fliegt. Und dann sagt irgendjemand - diesmal zum Beispiel meine Mutter zu meinem Cousin – sowas wie: „Musst du eigentlich nicht auch bald zur Bundeswehr?“

„Er ist doch schon zu alt dafür…“, sage ich, um möglichst noch zu deeskalieren. Das Wort „Bundeswehr“ hat nämlich meine beiden Onkels und meinen Vater, alle ehemalige Wehrdienstleistende, aufgeschreckt, die vorher vor sich hindämmerten. Da sagt mein Cousin schon voll GenZ-mäßig: „Warum sollte ich mir für dieses Land so was antun?“

Unser gemeinsamer Onkel, also der dritte Bruder neben unseren beiden Vätern, schaut von seinem Handy auf, auf dem er die ganze Zeit herumgescrollt hat, nimmt einen Zug von seiner Kippe und sagt dann auch was dazu. Leider deckt sich das ziemlich mit seiner blonden Heilsbringerin, die seit neuestem auf blauem Hintergrund in seinem Wohnzimmer hängt: Alice W. Es klingt irgendwie ein bisschen nach: „Das ist eben das Problem mit der jungen Generation. Da will niemand mehr sein Vaterland verteidigen.“ Er murmelt: „Alles nur verwöhnte Bengel.“

Und dann sind wir erst mal für mindestens drei weitere Runden Bier wirklich alle ziemlich aufgeregt. Außer meine Mutter, die steht auf und geht schlafen.

Lieber auswandern als dienen

Kolumne STIMME MEINER GENERATION

Ruth Fuentes und Aron Boks schreiben die taz FUTURZWEI-Kolumne „Stimme meiner Generation“.

Fuentes, 31, wurde 1995 in Kaiserslautern geboren und war bis Januar 2023 taz Panter Volontärin.

Boks, 29, wurde 1997 in Wernigerode geboren und lebt als Slam Poet und Schriftsteller in Berlin.

Mein Cousin meint also zu meinem Vaterland-Onkel, da stimme er ihm zu, er hätte wirklich keine Lust, für irgendwelche Politiker, die eh nichts auf die Reihe bekommen und sich einen Dreck um ihn und seine Generation (und ja, das Land im Allgemeinen) scheren, an irgendeine Front zu ziehen, um irgendein „Vaterland“ zu verteidigen und dafür im schlimmsten Fall zu sterben. Und sowieso habe er vor, so bald wie möglich auszuwandern. In Italien oder Spanien lebe es sich ohnehin besser.

Das finde ich wiederum etwas verwirrend, weil er als einziger in der Runde sein Auto für die WM mit Deutschlandflaggen geradezu eintapeziert hat. Was wiederum meinen Onkel aber nicht daran hindert, den Begriff „Volksverräter“ in den Raum zu werfen. Um dann hinterherzuwerfen, dass das hier sowieso nicht mehr sein Deutschland sei, so wie es das 1990 noch war. Man brauche sich doch heutzutage nur die Nationalmannschaft anzuschauen.

Irgendwie war es mir fast lieber, als auch er noch sein Auto in schwarz-rot-gold eingekleidet und wild hupend die Siege der Nationalmannschaft gefeiert hat.

Tatsächlich ist mein Cousin mit seinen Auswanderungsplänen in seiner Generation nicht alleine. Laut einer Studie aus diesem Jahr plant jeder Fünfte der 14- bis 29-Jährigen, Deutschland zu verlassen, und fast die Hälfte kann sich ein Leben im Ausland zumindest vorstellen.

Verteidigungswürdige Werte und Freiheiten

Ich versuche einfließen zu lassen, dass es ja noch keinen Krieg gebe und auch keine Wehrpflicht. Und sowieso gehe es ja erstmal „nur“ um Abschreckung und den Verteidigungsfall und ich frage meinen Cousin, was er in so einem Fall tun würde. Schließlich würde ihn das in Italien oder Spanien genauso treffen.

Bei den Worten „Abschreckung“ und „Verteidigungsfall“ habe ich zugleich das Gefühl, dass ein Teil meines linken Seins gerade stirbt, das früher auf Demos gerne „Deutsche Waffen, deutsches Geld – morden mit in aller Welt!“ skandiert hat. Und ich fühle mich albern, schließlich melde ich mich auch nicht freiwillig bei der Bundeswehr. Jedenfalls – so rede ich mir ein – würde ich im Ernstfall selbstverständlich als Reporterin von der Front berichten…

Der Cousin-Vater wirft beschwichtigend in den Raum, dass ja wirklich vieles besser laufen könnte in Deutschland, aber es auch vieles gebe, was es wert sei, verteidigt zu werden, weil es sicherlich keine Meinungsfreiheit und Demokratie mehr gäbe, sollte man, zum Beispiel, Russland einfach das Feld überlassen.

Und mein Vater sagt das, was er immer irgendwann sagt bei dem Thema. Dass es im Krieg nämlich immer nur Verlierer gebe. Und dass natürlich niemand einen Krieg möchte, sondern genau das Gegenteil: ihn verhindern. Da seien wir uns doch alle einig. Ich bin mir da nicht so sicher, wenn ich zu meinem Patriotismus-Onkel rüberschaue, der gerade die nächste Kippe aus dem Mund nimmt, um zu sagen, was man alles nicht mehr sagen darf.

Ist ein Kompromiss möglich?

Ich muss an ein Panel denken, das ich vor Kurzem moderiert hatte zwischen einem Influencer, dessen „Inhalte“ hauptsächlich darin bestehen, sich gegen Wehrpflicht und Aufrüstung zu stellen und einer Reservistin. Während sie immer bewusst von „dem Russen“ sprach, tat der Anti-Wehrpflicht-Influencer geradezu so, als würde die Bundeswehr auf den Straßen junge Männer für die Front einsammeln.

Kann man über dieses Thema eigentlich mal sachlich reden, ohne immer emotional zu werden? Ohne Panikmache in jegliche Richtung? Gibt es die Möglichkeit eines Kompromisses? Was ist verteidigungswürdig? Ist das nicht auch links, Werte zu verteidigen? Spielt das überhaupt eine Rolle? Ist es wirklich wert, dafür zu sterben? Bin ich schon von der rechten Kriegspropaganda absorbiert worden?

Gibt es bald Krieg? Wer ist Schuld daran? Muss ich eher Angst haben, wenn wir aufrüsten, oder wenn wir es nicht tun?

Die einzige am Tisch, die einen Krieg erlebt hat

Ob wir denn nicht doch einfach lieber ein Lied zusammen singen möchten, fragt meine Tante und reißt mich aus meinen Gedanken. Das sei doch viel netter. Oder wenigstens die Großmutter mal zu Wort kommen lassen. Schließlich sei sie die einzige am Tisch, die aus eigener Erfahrung was zu Krieg sagen könne.

Als sie Kind war, wurden ihr Vater und ihr Bruder in die Wehrmacht eingezogen. Das ist alles, was ich weiß. Und, dass sie beide lebend wieder zurückkamen. Mein Urgroßvater mit einer Granatensplitterverletzung an der Hand, sein Leben lang trug er seitdem einen schwarzen Handschuh. Vermutlich hatte ihn aber diese Verletzung vor Schlimmeren gerettet.

„Ja, das war schlimm, als sie weg mussten“, sagt meine Oma, die die ganze Zeit still zugehört hat. Das, worüber sie spricht, klingt so fern. „Aber was im Krieg passiert ist, darüber wurde nie gesprochen.“ Wir hören denen auch nur noch aus Höflichkeit zu, denke ich mir, der sogenannten silent generation. Meine Oma hat auch nichts weiter zu sagen.

Mein GenZ-Cousin holt noch eine Runde Schnaps.

Gelebter Diskurs?

Sein Vater und mein Vater sind jetzt beim Erfolg des Nato-Doppelbeschlusses angelangt. Mein Onkel ruft dazwischen, dass es auch darum gehe, ein richtiger Mann zu sein. Mein Cousin fragt, ob er das verkrüppelten und traumatisierten Soldaten auch so sagen würde. Mein Onkel nennt ihn einen linken Spinner und Kommunisten.

Mein Cousin rückt sich daraufhin das Ralph-Lauren-Hemd zurecht und sagt: „Du hättest doch selbst auch nicht für Deutschland gekämpft.“. „Aber ich würde, wenn ich müsste“, schreit unser Onkel. „Ich würde!“

Ich fühle mich, als wäre ich auf dem 1970er-Jahre-Set von „Ein Herz und eine Seele“ gefangen.

Inwischen ist es ein Uhr morgens. Während ich ins Bett schwanke, denke ich: Wie krass, dass wir uns gerade zwei Stunden lang unsere Meinungen an den Kopf geworfen haben, ohne dass jemand aufgestanden und gegangen ist. Und ohne Gewaltausbrüche. Ja, geradezu pazifistisch im Dialog.

Vielleicht ist es das, was Menschen meinen, wenn sie von „gelebtem Diskurs“ sprechen. Vielleicht haben wir aber auch einfach alle nur einen Knall.

🐾 „Stimme meiner Generation“ heißt die gemeinsame Online-Kolumne von Aron Boks und Ruth Lang Fuentes. In loser Folge schreiben sie darin für unser Magazin taz FUTURZWEI über die Lebensrealität der Gen Z und darüber hinaus.

🐾 Lesen Sie weiter: Die aktuelle Ausgabe unseres Magazins taz FUTURZWEI N°37 mit dem Titelthema „Nachspielzeit“ gibt es jetzt im taz Shop.