Nominiert für den panterpreis 2026 : Unzensiert aus dem Knast
der lichtblick ist die älteste Gefangenenzeitung Deutschlands. Seit 1968 berichtet sie unzensiert aus der der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel. Die Redaktion ist weiter auf Spenden angewiesen.
taz panterpreis | Fragt man Steffen Kahrels nach dem einen Artikel, den er geschrieben hat und an den er heute noch denkt, erzählt er von Türschildern. Dahinter steckt eine Geschichte über Diskriminierung und Selbstermächtigung, über Diversität und Identität. Über ein konservatives Justizvollzugssystem, das plötzlich ein kleines bisschen progressiv wird. Und nicht zuletzt über die Wirkmacht freier Presse.
Das Jahr 2022 war kein gutes für der lichtblick, die einzige deutsche Gefangenenzeitung ohne Zensur. 1968 in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel gegründet soll ein Redakteur das Redaktionstelefon für Straftaten missbraucht haben. Der Berliner Senat löste die Zeitung auf. Erst einmal war Schluss. Ende des Jahres dann der Neuanfang: Die taz panterstiftung unterstützte den Aufbau einer neuen Redaktion mit journalistischen Workshops und neuem Layout. Kahrels war einer der Teilnehmer – und wurde dann einer der neuen Redakteure.
Ausgeschrieben war der taz panterpreis unter dem Motto „Unabhängig, kritisch, resilient: Medien von unten“. Vom 8. bis 27. Juni 2026 findet unter taz.de/panterwahl die öffentliche Wahl darüber statt, wer der sieben Nominierten den Publikumspreis gewinnt. Die Preisverleihung, inklusive des Jurypreises, ist im Rahmen der Hamburger Woche der Pressefreiheit am 14. Oktober um 18 Uhr im Museum der Arbeit.
Im Workshop hatte Kahrels sich mit den Rechten von trans Personen im Vollzug beschäftigt. In den nächsten Monaten kamen immer mal Gefangene zu ihm, bedankten sich für den Text und erzählten, was sie beschäftigt. Oft nannten sie das Türschild: „Belegt, 1 Mann“ stand an jeder Zelle in Tegel. Das nutzten andere Gefangene, um den trans Gefangenen ihre Identität als Frau oder non-binäre Person abzusprechen, erzählten sie.
Stimmen nach draußen
Kahrels fragte bei der JVA-Leitung an. Die soll zunächst gesagt haben, das Anliegen habe „keinerlei Relevanz“, bevor sie vorschlug, einzelne Gefangene könnten auf Antrag ein anderes Schild bekommen. Dann plötzlich der Sinneswandel: Auf einer eigens dafür einberufenen Konferenz wurde beschlossen, alle Schilder auszutauschen. Da sowieso jeweils nur eine Person auf jeder Zelle liege, reiche die Information „belegt“ völlig aus. Und das dank Kahrels Presseanfrage.
Etwa 30 Gefangenenzeitungen gibt es aktuell in Deutschland, keine ist so alt wie der lichtblick – und keine andere erscheint ohne Zensur. Jura-Professorin Christine Graebsch sieht das kritisch, wie sie der taz im vergangenen Jahr sagte. „Es ist wichtig, dass es Gefangenenzeitungen gibt, damit die Stimmen der Gefangenen nach außerhalb der Mauern dringen können. Allerdings ist dies authentisch nur dann möglich, wenn eine Gefangenenzeitung nicht von der Anstalt zensiert wird.“
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taz panterpreis Nominierte 2026 | der lichtblick, Gefangenenzeitung Berlin
„Wir haben kaum eine Lobby als Gefangene“, sagt Ferdi Balci, der seit Juli 2025 Redakteur des lichtblick ist. Einerseits sei die Wahrnehmung vieler Menschen außerhalb der Mauern von den Insassen häufig eine völlig falsche. Auch deshalb brauche es den lichtblick. Um den Menschen im Gefängnis eine Stimme zu geben, ihnen bei Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen Gehör zu verschaffen und den Menschen draußen ein realistisches Bild vom Leben innerhalb der Mauern zu vermitteln.
Digitale Abozahlen steigen
Gefangene genauso wie interessierte Menschen draußen wissen das zu schätzen. Rund 7.000 Exemplare druckt die Redaktion regelmäßig. 2026 haben die Abozahlen sogar zugenommen, berichtet Kahlrels. Netto seien seit Januar 300 Abos hinzu gekommen. Ein großer Teil davon digital – zur Freude der Redaktion, weil das Geld spart.
Geld, das ist nämlich knapp, die Redaktion ist regelmäßig auf Spenden angewiesen. Zuletzt hat sie die Auflage sogar auf 5.000 reduziert, um Geld zu sparen. Dass das die Nachfrage kaum deckt, zeigt eine Szene, die Kahrels der taz beschreibt: „Sobald der Lieferant die Palette bei uns abgestellt hatte, waren die Zeitungen praktisch schon vergriffen."
taz panterpreis 2026
Von dort berichten, wo keiner hinschaut
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Sieben auf einen Schlag
Gefangene sind allerdings weiterhin auf Printausgaben angewiesen. Internetzugang haben die wenigsten von ihnen. Auch deshalb braucht es den lichtblick, der zuverlässig – und kostenlos – alle deutschen Haftanstalten beliefert. Ein paar wenige Abonnenten gibt es auch im Ausland – sogar in den USA.