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Kritik an Technologie-Kultur Digital Erwachsen

Die digitale Transformation ist ein Werkzeug zum Machterhalt und zum Diebstahl von Kreativität, meint Wolf Lotter. Eigentlich zieht die alte Industriewelt in den Computer um. Zeit für Emanzipation.

Fesseln wir uns an Technologie, die uns schadet? Die Digitalisierung scheint diesen Weg zu nehmen Illustration: Christine Gensheimer

taz FUTURZWEI | Technik ist ein Trick

Es gibt Dinge, die ändern sich nie. Als Wiege der westlichen Kultur gilt das alte Griechenland. Dort wurde gern und oft getrickst, denken wir nur einmal ans Trojanische Pferd oder daran, wie Prometheus seinen Chef, den alten Zeus, über den Tisch zog, als er den Menschen gegen dessen ausdrücklicher Order das Feuer brachte – was allgemein als Beginn von Fortschritt durch Technik bekannt wurde.

Das Wort techné beschrieb den alten Griechen fortan beides, den Trick und die Technik. Tricksen ist also eine Frage der Technik.

Womit wir schon beim Thema wären, dem, was die Leute Digitalisierung nennen, bei dem sie eifrig mitmachen, weil sie im Grunde nicht durchschaut haben, was da passiert. Manchmal ist der Trick richtig gut, manchmal fauler Zauber. Kommt drauf an.

Der Umzug

Die Digitalisierung, also das, was uns Computer, Software, Netzwerke, Plattformen, die neue Technokratie und die sozialen Netzwerke und die „künstliche Intelligenz“ gebracht haben, ist ein Trick der Extraklasse.

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Statt Rechtspopulisten politisch hinterherzurennen, plädieren wir für politische und gesellschaftliche Reformen zum Erhalt der großen demokratischen Mehrheit. Welche sind das? Das diskutieren wir in diesem Heft.

Mit: Aladin El Mafaalani, Beate Küpper, Johannes Heimrath, Maxim Keller, Ruth Fuentes, Wolf Lotter, Arno Frank, Vivika Lemke, Carla Hinrichs, Kevin Kühnert, Harald Welzer u. v. m..

Der kluge KI-Pionier und Digerato Joseph Weizenbaum hat bereits vor knapp fünfzig Jahren zahllose Quellen zusammengetragen, in denen die große Umzugsaktion der alten Industriemacht in den Computer nachvollzogen werden konnte. Der Trick mit der Digitalisierung ist also, dass uns weisgemacht werden soll, es handle sich um die Ablöse der alten Fabrikgesellschaft formerly known as Industriegesellschaft, aber das stimmt eben nicht.

Die Welt der echten Fabriken zieht nur in den Computer um. Digitalisierung ermächtigt dabei niemanden, außer die Technokraten, die uns ein X für ein U vormachen, aber dazu später mehr.

Sie bemächtigt sich der realen Welt, ihrer Vorgänge, Prozesse, Handgriffe und aller menschlichen Fähigkeiten. Digitalisierung ist ein Staubsauger, bei dem uns die Leute das, was aufgesaugt wurde, aus dem Staubbeutel in kleinen Dosen zum Höchstpreis verkaufen. Natürlich ist bei so was viel Dreck dabei, logisch.

Wissen ist Macht, keine Maschine

Wer die Digitalisierung also für einen Teil der Wissensgesellschaft hält, in dem kreatives, selbstständiges, selbstbestimmtes Denken und Arbeiten angesagt sind, den haben sie schlicht reingelegt. Das Ergebnis von Wissen ist Wissensarbeit ist Problemlösung. Das können Menschen auch.

Computer können keine Probleme lösen, die außerhalb der Mathematik liegen, die wiederum eine von Menschen erdachte Systematik ist. Es ist schon merkwürdig, dass man derlei erwachsenen Menschen überhaupt sagen muss. Aber Jahrzehnte voller intensiver Propaganda für eine vermeintlich „denkende Maschine“ haben Spuren hinterlassen. Überdies erkennen Menschen in allen Dingen und der Welt ihresgleichen. Anthropomorphismus heißt das. Sie geben ihren Autos und Staubsaugern Namen. Und Computern.

Bild: Katharina Lotter
Wolf Lotter

Wolf Lotter ist Autor und Journalist mit den Schwerpunkten Transformation und Innovation. Er ist Gründungsmitglied von PEN Berlin.

In der taz FUTURZWEI schreibt er regelmäßig die Kolumne Lotters Transformator. Im November erschien von ihm: Digital Erwachsen: Streitschrift für mehr natürliche Intelligenz. Haufe 2025, 220 Seiten, 22 Euro.

Jedenfalls nennen sie ihn Trottel, wenn er nicht funktioniert. Schon das ist eine enorme Überschätzung. Er ist nicht mal das. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass Menschen sich ungern mit anderem beschäftigen als dem, das ihnen vertraut scheint. Das ist mit Dingen so, deshalb gibt es sowas wie „Kulturen“. Und das macht es der Transformation und der Erkenntnis immer schwer.

Digitalisierung ist, nach allen Regeln, nichts anderes als der Versuch, die „Normalität“ im Sinne der Kultur der „Industriegesellschaft“ so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, damit auch die Macht derer, die andere reinlegen, weil das ihr Geschäftsmodell ist. Das ist ja ganz normal, das mit dem Tricksen.

Junkies, Drogendealer, Therapeuten. Eine Verwechslung

Das wir uns nur recht verstehen: Technologischer Fortschritt ist etwas Gutes, wenn er dem Wohl der Menschen dient. Fortschrittsfeindlichkeit kann also auch Menschenfeindlichkeit sein.

Fortschritt, der nur dazu dient, das Bestehende zu erhalten, ist eine Besitzstandswahrungstechnologie, oder einfacher, ein Trick, um an der Macht zu bleiben. Digitalisieren ist dann konservieren. Das passt so gut in die Welt des Westens der Gegenwart, dass es fast niemandem auffällt. Wenn Friedrich Merz und Lars Klingbeil von Reformen reden, meinen sie Erhalt.

Wenn Industriemanager von Transformation und Digitalisierung reden, dann meinen sie Besitzstandswahrung. Keine neuen Wege, nur ein neuer Straßenbelag.

Wer konserviert, erhält die Fehler am Leben. Er lernt nicht draus, er lackiert sie um. Unter Informatikern heißt es seit Langem: Wenn du einen Scheißprozess digitalisierst, ist es halt ein digitaler Scheißprozess. Es geht also nur vordergründig um Digitalisierung. Es geht um ein System, das sich auf Biegen und Brechen erhalten will, egal, in welcher Erscheinungsform.

Digitalisierung, wie wir sie kennen, hat nicht zum Ziel, sich zum Werkzeug für Emanzipation und ein besseres Leben zu machen. Sie macht vielmehr noch abhängiger, weil sie zuvor handfeste Arbeit in eine Black Box sperrt, das System, das kaum jemand durchschaut. Aus Entfremdung, in dem der Sinn der Arbeit wenigstens noch schattenhaft durchdringt, wird Ohnmacht. Die Abhängigen der späten Konsumgesellschaft sind leichte Opfer.

Sie haben gelernt, dass sie nicht wissen müssen, was im Hintergrund läuft, ja, dass es sogar schädlich ist, wenn sie das tun. Deshalb wird, je mehr digitalisiert wird, immer häufiger vom Vertrauen geredet. Traue mir, singt die Schlange Ka im Dschungelbuch, weil sie Mogli fressen will. Guck, die KI malt so schöne Bilder, und plötzlich können auch Hinz und Kunz schreiben. Dieses Spiel beherrscht die Technokratie. Die Junkies halten ihre Drogendealer für Therapeuten.

Digitalisierung, wie wir sie kennen, hat nicht zum Ziel, sich zum Werkzeug für Emanzipation und ein besseres Leben zu machen.

An der Begeisterung des neuesten Tricks der KI kann man das sehr schön erkennen. Die KI, so erzählt man sich da, hilft Menschen ohne Begabung und Talent dabei, zu den Begehrten der Aufmerksamkeitsökonomie zu gehören: zu den Kreativen. Aus Beschränkten werden so Begabte.

Das klingt doch fast schon emanzipatorisch, nach mehr Vielfalt und Gerechtigkeit, aber es ist einfältig und in jeder Hinsicht ungerecht, denn daraus wächst keine Emanzipation, sondern nur eine Karikatur, hinter der die eigene Beschränktheit besser verborgen werden kann. Ein Trick, wie gesagt.

Beschränktheit, der Motor des Fortschritts

Damit Verbraucher verbrauchen können, wie sie sollen, müssen sie unmündig bleiben. Die neue Technokratie der Plattformen stellt sich gegen das bisschen Aufklärung der vergangenen Jahrzehnte, in denen es sowas wie Verbraucherrechte gab und die Stimmen der Kunden einen, wenn auch nur fürs Marketing, relevanten Wert hatten. Das muss weg.

Kreativität, die immer Menschenwerk ist, wird digitalisiert, oder genauer: den Kreativen geklaut. Dafür waren früher windige Verleger und Agenten zuständig, heute erledigen das die Plattformen – und die alten Dealer, die von der Wissensarbeit einiger weniger lebten, gleich mit.

Alles ist im Internet, alles ist dort gratis, und wo das der Fall ist, wird das Wissen von den Plattformen nicht demokratisiert, sondern geklaut und portioniert weiterverkauft.

Kreativität, die immer Menschenwerk ist, wird digitalisiert, oder genauer: den Kreativen geklaut. Dafür waren früher windige Verleger und Agenten zuständig, heute erledigen das die Plattformen.

Nochmals: Digitalisierung ist, wie es der Technikhistoriker David Gugerli nannte, ein Umzug von der echten in die virtuelle Welt. Die Daten, Wissen, Informationen, Sachverhalte aus der realen Welt werden in die virtuelle Welt -„umgezogen“, also annektiert, kopiert, gezogen, geraubt. Digitalisierung ist immer Kopie, nie Original.

Deshalb muss die sogenannte KI ja auch alles klauen, was sie dann an naive Beschränkte als tolle Neuigkeit ausspuckt. Das ist der Prozess, nicht erst seit OpenAI und ChatGPT, sondern seit Beginn der Digitalisierung.

Die Vielzahl der alten Eigentümer von Wissen wird in eine kleine Gruppe von Oligarchen der Technik, also Großtrickdieben, übergeführt. Dabei verdienen, das ist interessant, immer die gleichen Leute. Der Abgott der industriellen Betriebswirtschaft ist die Produktivität. Diese Produktivität ist ebenfalls in den meisten Fällen nichts weiter als die Optimierung des Vorhandenen, nichts Neues, sondern nur das, was das Alte effizienter macht. Mehr Digitalisierung würde also die alte Industrie produktiver machen. Doch das ist falsch.

Schon 1988 kritisierte Robert Solow, Nobelpreisträger für Ökonomie, dass die „Computer überall zu finden sind, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken“. Kurz: An der Digitalisierung verdienen die, die digitalisieren. Den Digitalisierten nützt sie nichts.

Wenn wir uns nicht emanzipieren, schlägt die Digitalisierung weiter in Unfreiheit um Illustration: Christine Gensheimer

Das haben auch aktuelle Studien bestätigt, etwa von Solows Nobelpreiskollegen Daron Acemoğlu. Bei der KI wird sogar massiv Geld verloren. OpenAI, mit ChatGPT einer der Marktführer des Hypes, wird frühestens 2029 schwarze Zahlen schreiben, aber sicher ist das nicht, es ist reine Behauptung.

Zurzeit verliert das Unternehmen massiv Geld, 14 Milliarden Dollar stehen für 2026 planmäßig an Verlusten fest. Wer verdient? Natürlich die Leute, die den Hype befeuern und rechtzeitig aussteigen, klar, aber auch große Unternehmensberatungen wie McKinsey, Boston Consulting und Accenture, die nichts weiter tun, als bestehende Beratungsprogramme zu Arbeits-, Urheber- und Verwertungsrecht mit den KI-Stickern zu labeln.

Man kann ihnen gar keinen Vorwurf machen. Sie tun, was Beratungen meistens tun, „sie monetarisieren Angst im großen Maßstab“, wie der AI-Unternehmer Stephen Klein aus Berkeley schreibt. Klein gehört zu einer Gruppe von Unternehmern, die die KI nicht als Verlängerung der Skalierungswirtschaft der Industriegesellschaft sehen, sondern als Werkzeug zur Emanzipation.

Das erinnert stark an die frühen Positionen des Apple-Gründers Steve Jobs, der seine Computer als Werkzeug der individuellen Entwicklung dachte, nach den Ideen des alten Hippie-Intellektuellen Stewart Brand und seines Whole Earth Catalog. Apples Momentum in der Digitalisierung war „the computer for the rest of us“, der „think different“ sein sollte, was anfangs mehr war, als jene Marketingfloskel, zu der sie mittlerweile verkommen ist.

Bleiben wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche

Immer, wenn dieser Satz aus der Pariser Abteilung der 68er-Bewegung zitiert wird (nein, er ist nicht von Che Guevara), ist die Kacke am Dampfen. Sind wir nicht schon längst den Technokraten ausgeliefert und gibt es keine Alternative zu Google, Amazon, Meta und Thiel?

Es gilt, weder sentimental zu werden noch verzweifelt zu sein. Erinnern hilft. In der schweren Krise des Industrialismus der 1920er-Jahre entwickelte sich das, was man später Fordismus nannte, nach Henry Ford, dem Konzernherrn und Nazifreund aus Detroit.

Ford hatte erkannt, dass die Automatisierung der eigentliche Kern des industriellen Fortschritts war. Menschen brauchte man eigentlich nur so lange, wie man noch keine Maschinen hatte oder kostengünstig einsetzen konnte, um dieses lästige Humanmaterial zu ersetzen. Das dachten praktisch alle Fabrikanten überall: Viele Menschen, viele Probleme, keine Menschen, keine Probleme. Ford erkannte aber noch etwas: Was, wenn man die Massen an Industriearbeitern transformierte?

Es war dazu nur nötig, an das Geld der Leute ranzukommen, das man ihnen als Lohn ausbezahlt hatte, zuzüglich eines Gewinnaufschlags. Im Fordismus geht es nicht primär um Arbeitskraft, sondern um Kaufkraft. Die Leute kaufen, was sie produzieren. Die Entfremdung hatte ein scheinbares Happy End.

Es gab höhere Löhne, damit man mehr kaufen konnte. Als in den 1950er-Jahren Henry Ford II, der Sohn des Gründers, stolz seine Industrieroboter in der weltgrößten Fabrik River Rouge präsentierte, erinnerte ihn ein Gewerkschafter mit der Frage „Wie viele Autos kaufen ihre Roboter?“ an die Erfolgsformel des Alten.

Es liegt aber auf der Hand, dass der Fordismus seine Grenzen hat. Die Kaufkraft der Arbeiter in den USA war in den 1970er-Jahren eingebrochen und erholte sich nie wieder.

Geld wurde seither – auch in Deutschland – vorwiegend in den wissens-basierten Dienstleistungen verdient. Wissen ist deutlich wertvoller als Produkte. Genau diesen Surplus haben die Technokraten im Auge. Denn mit dem Aufstieg des Wissens zur wichtigsten Ressource in den Volkswirtschaften wurde die Frage, wie man an dieses Wissen rankommt, immer relevanter.

Nichts anderes tun die Technokraten: Sie eignen sich den Rohstoff Wissen und Kreativität an. Dabei bedienen sie sich eines Tricks, den lange vorm Computer Mark Twain in seinen Tom-Sawyer-Geschichten beschrieben hat. Tom hat was ausgefressen, seine Tante Polly verdonnert ihn dazu, den alten Zaun um ihr Haus zu streichen. Am Samstag, an dem er eigentlich mit seinen Kumpels spielen möchte. Lustlos hängt er mit Farbtopf und Pinsel vor dem Zaun, als sein erster Freund vorbeikommt, um ihn zum Spielen abzuholen. Da hat Tom eine spontane Idee. Er tut so, als ob Zaunstreichen das Größte wäre, was man sich vorstellen kann.

Wissen ist deutlich wertvoller als Produkte. Genau diesen Surplus haben die Technokraten im Auge. Denn mit dem Aufstieg des Wissens zur wichtigsten Ressource in den Volkswirtschaften wurde die Frage, wie man an dieses Wissen rankommt, immer relevanter.

Sein Kumpel will auch. Aber Tom ziert sich. Sein Kumpel bietet ihm einen Apfel an, Murmeln, ein Fünf-Cent-Stück. Dann gibt Tom nach. Der Kumpel zahlt und streicht. Das wiederholt sich mit jedem Freund, der noch kommen wird, und bald ist der Zaun superweiß gestrichen und Tom hat seine Hosentaschen voller Geld und Wertsachen.

So machen das YouTube, X, Facebook, Google und wie sie alle heißen auch. Die Leute zahlen dafür, dass sie arbeiten dürfen. Neun von zehn der reichsten Menschen auf diesem Planeten sind Technokraten.

Das geht eine Zeit lang gut, aber nicht ewig, weil den Leuten schlicht die Kohle ausgeht. Noch stecken sie ihr Erbe, ihr Vermögen den Technokraten-Toms zu. Alle sind so superkreativ, ist das nicht herrlich! Natürlich nicht. Das Drama ist erst im Werden. Die Industriegesellschaft hat leichtgläubige Mitläufer produziert, Opportunismus belohnt, abweichendes, innovatives, also echt kreatives Verhalten immer bestraft.

Während die Massen für ihre Selbstbespaßung Milliarden an die Technokraten zahlen, verlieren sie ihre Jobs, die auf festen Routinen bauen. Das kann Digitalisierung, automatisieren – und automatisieren heißt immer, Routinen abarbeiten. Nichts anderes können auch Algorithmen.

Sie sind völlig unflexibel, eng programmierte, eindeutig definierte Regeln. So, wie viele seit Langem in Unternehmen arbeiten, nicht selbstbestimmt, keine freie Entscheidung treffen können.

Nun rächt sich die Arbeitskultur der Industriegesellschaft, auch die der Bildung, fürchterlich. Jahrzehntelang wurden Menschen gleichförmig geschult, ausgebildet, also zur Routinearbeit erzogen, bei der Menschen leicht ersetzbar sind, wenn sie sterben, krank werden oder zu teuer.

Diese Routinearbeit kann von Rechnern gemacht werden, weil sie so stupide ist, dass es keinerlei echte, natürliche Intelligenz braucht, um sie zu variieren. Dabei haben die Volksparteien und die Gewerkschaften, die Unternehmerverbände und das ganze Managementgewerbe eifrig mitgemacht. Diversität galt und gilt als Störfaktor in der Produktion. Wir haben uns anfüttern lassen, waren brav und haben damit an unserer eigenen Belanglosigkeit mitgewirkt und dafür noch bezahlt.

Aus Schaden nicht dumm bleiben

Statt Klassenbewusstsein in Sachen Wissensarbeit zu entwickeln, und damit auch den Lauf der Digitalisierung und Automatisierung in die Hand zu nehmen, warten die Leute wie gewohnt ab, was passiert.

Sie wollen abgeholt werden, und diese dem Busunternehmertum abgeschaute Kulturleistung wird dann auch ausgeübt, wenngleich auch nicht im Sinne der Verbraucher. Das erledigen die Technokraten, die Populisten und, nicht zu vergessen, ganz tüchtig und vorn mit dabei, all jene, die sich zwar über Technokraten und Populisten aufregen, aber keine bessere Lösung anzubieten haben.

Warum ist das so? Es geht um Besitzstandswahrung. Weil Wissen Macht ist, dürfen nicht alle damit – erst recht nicht selbstbestimmt – ihr Geld verdienen.

Das zentrale Produktionsmittel war zu allen Zeiten ein klarer Verstand, und nie war der so wichtig wie heute, wo alle anderen Produktionsmittel sich durch Automation von menschlicher Arbeitskraft emanzipiert haben. Nur, dass es sich eben nicht um eine Verschwörung einiger weniger böser Kapitalisten handelt, die nun feixend mit Donald Trump im Weißen Haus sitzen. Es ist vielmehr das endlich angenommene Angebot an dieses Gesindel, unterbreitet durch jene breite Mehrheit, die sich immer so gern abholen und führen ließ und das auch weiterhin tut, – und das dazugehörige politische Personal. Eine historische Gelegenheit, die Diebe macht, was sonst?

Wer nicht lernt, was Digitalisierung ist, und wer nicht wissen will, dass „Wissensarbeiter mehr über ihre Arbeit wissen als ihr Chef“ (Peter Drucker) und die Konsequenzen daraus zieht, der fällt natürlich den Wegelagerern der digitalen Wissensökonomie zum Opfer – so wie ihre Vorfahren den Fabriksherren und Industriebaronen.

Die Deutschen, ja, auch die Westeuropäer, sie sind Donald Trumps Truppe näher als ihnen lieb ist. Trumps Wähler sind die Transformationsverlierer, die Reste der Agrar- und Industriegesellschaft in den USA, deren Machtverlust und Verelendung auch von den Demokraten hingenommen wurde. Auch in den USA ist die Transformationsarbeit unterblieben, die natürlich darin besteht, dass Menschen, die man nicht mehr am Feld oder in der Fabrik am Fließband braucht, in anderen Bereichen Möglichkeiten zur Entwicklung bekommen.

Welche Rolle haben Menschen im Zeitalter der digitalen Transformation? Was geschieht mit den Milliarden Menschen, die man in Produktion und Büro nicht mehr braucht? Fliegen sie zehnmal im Jahr nach Mallorca statt dreimal wie bisher? Gibt man ihnen ein Gnadenbrot als Gamer, Selfies-Macher und Influencer?

Was geschieht mit den Milliarden Menschen, die man in Produktion und Büro nicht mehr braucht?

So wie die Digitalisierung die reale Welt in den Machtbereich der Technokraten umgezogen hat, wurde die Arbeit der einst dominanten Fabriks-Proletarier in die Büros verlagert. Das war der kleine Umzug. Nun aber gibt es keine Verwendung für so viele Menschen mehr. Stellen wir mal Fragen.

Seit Jahrzehnten kauft die Volksrepublik China Robotik-Technologie und Know-how ein. Warum? Weil die Wirtschaftsexperten der KPCh die unvermeidliche Wirkung der Ein-Kind-Politik Maos auf die Demografie kennen. Produktion ist Roboterarbeit, geht gar nicht anders. Hannah Arendt oder der Soziologe Ralf Dahrendorf warnten schon vor mehr als sechs Jahrzehnten vor einer „Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgeht“, eben weil sich diese Entwicklung ganz klar sehen ließ, wenn man wollte.

Vor dieser Einsicht drücken sich die Volksparteien, weil damit ihre eigene Zweckmäßigkeit über Bord geht: Sie sind Lobbys der Vollbeschäftigung und des industriellen Systems. Sie müssen es erhalten, um selbst durchzukommen, aber das gelingt ihnen nicht mehr. Ähnlich geht es auch den Technokraten selbst. Sie versuchen, ihr industrialistisches Wachstumsmodell rüberzuretten in eine neue Welt, autokratischer, mehr für weniger, und ihre Chancen stehen wegen der gelernten Unmündigkeit der Massen gut.

Allerdings: Was mit diesen Massen machen? Die historische Lösung war stets Krieg oder eine schöne Seuche, wie die Pest, die ab 1347 ein Drittel der europäischen Bevölkerung wegräumte, oder der Dreißigjährige Krieg, der ein Fünftel der Bevölkerung tötete.

Unwissenheit, Religion, Aberglaube, Ideologie sind die technischen Werkzeuge dieses Verfahrens. Nach dem Sterben waren mehr Ressourcen für weniger da, und das führte zur Renaissance und zum Hochbarock, wie Sozialhistoriker wissen. Der Trick endet für viele tödlich.

Es wird Zeit, dass wir daraus lernen. Karl Kraus hat vor mehr als einem Jahrhundert festgestellt, dass wir zwar „schlau genug gewesen wären, die Maschine zu erfinden, aber zu dumm sind, um uns von ihr bedienen zu lassen“. Das stimmt. Genauso wie sein Hinweis, „aus Schaden nicht dumm zu bleiben“.

Leuten, die uns schaden, nicht auch noch dabei zu unterstützen, uns zu beschädigen, wäre ja schon mal ein kleiner Anfang. Go.

🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°36 mit dem Titelthema „Die AfD interessiert uns nicht“. Jetzt bestellen im taz Shop.