VATERTAG

Sie wollen nerven

Wenn sie eine Liedzeile kennen, dann schreien sie mit

Dass so etwas wie der sogenannte Vatertag mit verstärktem Sicherheitspersonal begleitet werden muss. Jaja, so ist er, der zivilisierte Westen. Dunkelblau steht sie da, die Sicherheit, paarweise, und wartet wie auch ich auf die Ringbahn. Blau sind auch die Ausflugsherren, und das selbstredend so früh am Tag wie nur möglich. Sie haben an alles gedacht, was das Klischee verlangt: Sie führen einen Fußball mit, und auf einer Sackkarre einen Ghettoblaster und sehr viel Bier. Sie halten tatsächlich Tulpen in den Händen, wie vornehm, denke ich, im Laufe des Tages werden die sicherlich gerupft sein. Jetzt werden sie in einem Tempo geleert, dass die Blume auf dem Bier kaum Gelegenheit hat, sich aufzulösen.

Der Lärm der Herren brennt über den Bahnsteig, sie lachen ohne Unterlass und ohne dass der Anlass ersichtlich wäre. Wenn sie eine Liedzeile kennen, schreien sie mit, was aus dem Blaster dröhnt. Sie nerven, und sie wollen nerven. Die Ringbahn fährt ein. Die Räder der Sackkarre kreischen unter drei Kisten Bier. Ich steige in ein anderes Abteil. Das Sicherheitspersonal auch. Für die Dauer der Fahrt bis zur nächsten Station ist Ruhe. Als sich die Wagentüren öffnen, fällt das Gedröhn aus dem anderen Waggon wieder in unserer Abteil.

Der Verkäufer einer Straßenzeitung wird hereingespült. Mit den sich schließenden Zugtüren verstummt der Herrentag erneut. Der Verkäufer erzählt in die Stille, was uns im Falle eines Kaufes der Zeitung erwartet, dann drückt er sich vorbei an mit Smartphones verwachsenen Menschen, sein Bemühen, eine Zeitung zu verkaufen oder ein paar Münzen einzusammeln, ist ohne Erfolg. Der Zug fährt in die nächste Station ein, an der Tür dreht sich der Verkäufer noch einmal um. In die fehlende Aufmerksamkeit hinein bittet er leise um Entschuldigung. Es tue ihm leid, dass er gestört habe. Die Türen öffnen sich. Die Herren grölen vorbei. HILKE RUSCH