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10 Sekunden

Dieser düstere, soghafte Thriller beginnt mit einem Flugzeugabsturz und endet mit einem Mord. Davon, was sich dazwischen ereignet hat, inwiefern diese beiden Ereignisse miteinander verknüpft sind und welche Schuld seine Protagonisten auf sich geladen haben oder noch auf sich laden werden, erzählt „10 Sekunden“. Ein Film, in dessen Zentrum drei Menschen stehen, deren Leben sich durch den Absturz von einem Moment auf den nächsten fundamental verändert hat.

Der Physiker Erik hat durch den Crash seine Familie verloren. Wie betäubt wandelt er durch die Nacht – ein Mann, für den jede Rettung zu spät zu kommen scheint. Franziska, die Frau des Fluglotsen, dessen zehnsekündiger Aussetzer zum Unglück geführt hat, findet keinen Halt mehr in ihrer Ehe. Harald war Polizist am Absturzort und wird von Erinnerungen an das Inferno heimgesucht. Zwischen diesen drei Figuren wechselt die Handlung dieses auf wahren Begebenheiten basierenden Films hin und her.

Dabei bewegen sich die einzelnen Erzählstränge langsam aufeinander zu, um schließlich zu kollidieren. Dadurch, dass die Geschichten zu unterschiedlichen Zeitpunkten einsetzen, entwickelt jede von ihnen ihren ganz eigenen Erzählrhythmus und es ist bemerkenswert, wie es Regisseur Nicolai Rohde geschafft hat, die Teile trotz der ständigen Sprünge zu einer kohärenten Erzählung zusammenzuführen.

Franziskas Geschichte holt am weitesten aus. Sie beginnt zwei Wochen vor dem Jahrestag des Unglücks und erzählt ausführlich von ihren Beziehungsproblemen, vom Kleinkrieg mit ihrer Schwiegermutter, ihrer Affäre und den damit verbundenen Schuldgefühlen. Haralds und Eriks Stränge umfassen weit kürzere Zeitspannen und widmen sich gänzlich der Getriebenheit ihrer Protagonisten.

Dem Film gelingt es, die Paranoia seiner Figuren, jenes stets präsente Gefühl des totalen Kontrollverlusts, durch subtile, aber wirkungsvolle Gesten erfahrbar zu machen. So geht von sämtlichen Verkehrsmitteln, seien es nun Autos oder Straßenbahnen, eine seltsame Bedrohung aus, die vor allem durch eine unruhige Kamera erzeugt wird. Durch die vielen Nahaufnahmen hat man das Gefühl, sehr dicht an den Figuren dran zu sein, ohne sich jedoch mit ihnen identifizieren zu können.

Wenn am Schluss alle drei Handlungsstränge zu einem werden und sich die Protagonisten in Franziskas Haus begegnen, kommt es zu einem kurzen Moment des Innehaltens. Als wüssten die drei, dass sowieso nichts anderes hätte geschehen können. Als wären sie dankbar, dass es nun endlich passiert ist. ANDREAS RESCH

„10 Sekunden“. Regie: Nicolai Rohde. Mit Marie Bäumer, Sebastian Blomberg, Filip Peeters, Hannah Herzsprung u. a. Deutschland 2008